Die lange Geschichte der Verfolgung kurdischer Medien – in Europa

20170514-stuttgart-11a4f79-imageWenn in der Türkei ein weiterer Fernsehsender dicht gemacht, eine andere Zeitung geschlossen oder gar Journalisten festgenommen werden, ist Europa (zurecht) in heller Empörung. Mehr als 149 Medien sind seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 bereits geschlossen worden, Tendenz steigend. Nicht ein Tag vergeht ohne Nachricht über weitere Verhaftungen. Zuletzt war es die deutsche Journalistin Mesale Tolu, die für das mittlerweile ebenfalls verbotene Özgür Radyo gearbeitet hatte. Sie sitzt seit mehr als zwei Wochen im Gefängnis.

Wenn es um die Verfolgung kurdischer Medien innerhalb Europas geht, schweigt man sich hingegen aus. Weiterlesen

Call for Papers: 1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft

Ombre d'homme avec haut-parleurDer Call for Papers für die 1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft ist draußen. Beteiligt euch und reicht Beiträge ein!

1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft
30.11./1.12.2017, Ludwig-Maximilians-Universität München

u.a. mit Prof. Michael Meyen (Ludwig-Maximilians-Universität München), Prof em. Manfred Knoche (Universität Salzburg, Österreich, tbc.); Prof. Christian Fuchs (WIAS, CAMRI, University of WestminsterLondon, UK), Prof. Tanja Thomas (Universität Tübingen, tbc.)

Die Notwendigkeit „Kritischer Kommunikationswissenschaft“ liegt in der Realität des Mediensystems begründet (Kommodifizierung, Ideologisierung, Arbeitsbedingungen, etc.). Kritische Kommunikationswissenschaft findet aufgrund der jahrzehntelangen Marginalisierung im deutschsprachigen Raum zurzeit eher in benachbarten Disziplinen sowie international statt. Nicht zuletzt für Wissenschaftler_innen in der Qualifizierungsphase und Studierende ergibt sich daraus die Notwendigkeit eines eigenen Netzwerks. Kritische Perspektiven innerhalb der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu fördern, geht einher mit Kritik an der derzeitigen Verfasstheit dieser Wissenschaften.
Unter kritischer Kommunikationswissenschaft verstehen wir zunächst Forschung mit einem Bezug zu Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse, mit einem Fokus auf Herrschaftsformen und Machtungleichgewichte, mit einem Verständnis von der historischen Gewordenheit gesellschaftlicher Verhältnisse und mit der Perspektive auf deren Transformation. Daraus ergibt sich ein Praxisbezug im Sinne einer engagierten Wissenschaft und Lehre. Die so verstandene kritische Kommunikationswissenschaft umfasst verschiedene Theorietraditionen und ist geeignet die disziplinäre Spaltung zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft zu überwinden.
Auf der Gründungs-Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft sollen drei Fragekomplexe diskutiert werden: Weiterlesen

Seminar: Soziale Medien und Kapitalismus – eine kritische Einführung

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Marx-Selfie. Bildquelle*

Im Sommersemester 2017, das am 24. April gestartet hat, bieten Dr. Thomas Allmer (University of Stirling) und ich (Ludwig-Maximilians-Universität München) an der LMU ein Blockseminar mit dem Titel „Soziale Medien und Kapitalismus – eine kritische Einführung“ an. In diesem Blogbeitrag findet ihr den Seminarplan. Dies soll zum einen die Transparenz unserer Arbeit erhöhen und Möglichkeiten des Feedbacks geben, zum anderen regt die Literatur und die Konzeption des Seminars vielleicht zu weiteren ähnlichen Projekten/Lehrveranstaltungen an Universitäten an. Weiterlesen

Uganda: Wie Strukturen Medienfreiheit einschränken

Wie können Medien in Uganda zu Wahlzeiten arbeiten? Konnten sie über alles berichten? Gab es Einschränkungen? Wie funktioniert das ugandische Mediensystem während des Wahlkampfs?

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Zeitungsstand in Kampala, der Hauptstadt Ugandas

Mit folgenden Fragen habe ich mich in meiner Masterarbeit beschäftigt. Im Sinne der Transparenz und Zugänglichmachung wissenschaftlicher Arbeiten für die interessierte Öffentlichkeit, ohne Zahlschranken oder Abitursperren, habe ich mich dazu entschlossen die Arbeit hier zu veröffentlichen.* Weiterlesen

Facebook-Zensur beschäftigt Bundesregierung

Mehrere Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, darunter Andrej Hunko und Sevim Dagdelen, haben an die Bundesregierung eine Kleine Anfrage zur Löschpraxis und Rechtsdurchsetzung bei Facebook gerichtet.

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Diese Benachrichtigungen kommen nicht nur mir bekannt vor

Sie wurde vor allem durch die äußerst gute Berichterstattung des SZ Magazins vom 15. Dezember 2016 ausgelöst. Damals ging es um das „Netz des Bösen“ bei Facebook, um die Löschpraktiken und um die Arbeitsbedingungen bei der Bertelsmann-Tochter Arvato, an die die Zensur outgesourct wurde. Auch ein paar meiner Gedanken und Hinweise sind darin eingeflossen. Die komplette Anfrage findet ihr als PDF-Datei weiter unten. Hier nun einige der interessanten Fragen, auf deren Beantwortung man gespannt sein kann:

2. Konnten Mitarbeiter des BMJV oder von Bundesbehörden inzwischen die Facebook-Löschteams besuchen, die bei der Bertelsmann-Tochter Arvato eingerichtet wurden?

3. Auf welche Weise hat sich die Bundesregierung um einen Kontakt mit den Facebook-Löschteams bei Arvato bemüht, mit welchem Ergebnis?

5. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über Zusammensetzung der Facebook-Löschteams bei Arvato und die Auswahl der Mitarbeiter, vor allem im türkischsprachigen Team?

8. Weshalb werden die internen Löschregeln von Facebook nach Kenntnis der Bundesregierung geheim gehalten und ist dieses Vorgehen mit geltenden Rechtsnormen vereinbar?

10. Geht die Bundesregierung davon aus, dass die Löschungs- und Verbreitungs-praxis von Facebook im Einklang mit den genannten gesetzlichen Bestimmungen steht?

24. Hat die Bundesregierung Hinweise darauf, dass Mitarbeiter oder Zuarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT damit beauftragt werden, bei Facebook und/oder anderen sozialen Netzwerken den politischen Diskurs zu beeinflussen?

Die komplette lesenswerte Anfrage findet ihr hier: Weiterlesen

Kurzmitteilung

Medienrealität

Der Lehrbereich Meyen am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (LMU), an dem ich seit Januar angestellt bin, fängt an zu bloggen. Wir verlassen den Elfenbeinturm und stürzen uns mit dem Blog Medienrealität in die Öffentlichkeit: http://medienblog.hypotheses.org/

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Lehrbereich Meyen

Aus dem Eröffnungsbeitrag von Prof. Michael Meyen: „Natürlich: Wer zu Medien forscht, kennt diesen Ruf – genauso wie die Vorbehalte. Ich habe keine Zeit. Ich bin kein Journalist. Das Netz ist so unendlich groß. Das liest ohnehin niemand, weil das Thema nur mich interessiert. Und am wichtigsten: Ohne Peer Review kein wissenschaftliches Kapital und folglich keine Karriere. An meinem Forschungs- und Lehrbereich ignorieren wir die Zweifler schon länger. (…) Medienrealität bietet eine kommunikationswissenschaftliche Perspektive. Wir schreiben über unsere Forschung und über das, was wir auf dieser Basis zur Arbeit von Medienproduzenten sowie zu öffentlichen Debatten über Medienqualität und Medienwirkungen sagen können. Medienrealität veröffentlicht außerdem gelungene Abschlussarbeiten, Rezensionen, Veranstaltungsberichte und Gastbeiträge.“

Schaut doch ab und zu mal vorbei, es wird sich lohnen!

Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft gegründet

Am 31. März 2017 gründete sich in Düsseldorf das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft (kurz: KriKoWi oder so ähnlich). Bereits in den Tagen zuvor waren zwölf deutschsprachige Kommunikationswissenschaftler, vom Master-Absolvent bis zum Professor, mit einem Gründungsaufruf an die (Fach-)Öffentlichkeit getreten. Das Interesse und Feedback war erstaunlich groß. Mehr als 30 KollegInnen fanden sich Ende März am Rande der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft e.V. zusammen, um das Netzwerk zu gründen und über die zukünftige Arbeit zu diskutieren.

Kritik?

Dabei stand die Frage im Raum, was unter kritischer Kommunikationswissenschaft überhaupt zu verstehen sei. Der Gründungsaufruf dazu war bewusst offen gehalten und nannte „verschiedene Theorietraditionen, wie die kritische Politische Ökonomie der Medien und der Kommunikation, die kritischen Cultural Studies, den Autonomen Marxismus, die Frankfurter Schule, postmoderne und feministische Medientheorien, aber auch kritische psychoanalytische Ansätze. Auch viele aktuelle Initiativen wie Platform Cooperativism, Free/Libre Open Source Software, Adbusting, Medienreformbewegungen, Non-Profit Free Open Access und Alternative Medien.“ Die Diskussion läuft noch und erst in den kommenden Monaten wird sich dazu vermutlich ein Standpunkt bilden.

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Marx grüßt das Netzwerk. Aber nicht nur er.

Einige Teilnehmer, auch ich, legten Wert darauf, dass darunter vor allem eine kritische Thematisierung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen, von (sozialen) Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten innerhalb der Gesellschaft und eine Kapitalismuskritik, also zum Beispiel eine Kritik der Politischen Ökonomie der Medien, fallen. Entsprechende Ansätze sind in der deutschen Kommunikationswissenschaft institutionell gezielt verdrängt und ausgeschlossen worden. Zu groß war die Angst, Ablehnung und Konkurrenz. Erinnert sei nur an Horst Holzer, der durch ein Berufsverbot daran gehindert wurde eine Professur zu erhalten und seine kritische Forschung weiter zu betreiben. Das Buch „Adornos Erben in der Kommunikationswissenschaft. Eine Verdrängungsgeschichte?“ von Andreas Scheu zeigt einige weitere entsprechende Fälle auf. Eine interessante Debatte zur Rolle von kritischen Wissenschaftlern und Studierenden an den hiesigen Universitäten findet derzeit auf dem Lower Class Magazin und in der aktuellen Ausgabe der analyse&kritik statt.

Lange Rede kurzer Sinn: Die Gründung eines solchen Netzwerkes war überfällig. Das zeigen alleine schon die mehr als 70 Kommunikationswissenschaftler, die sich bisher in den Netzwerk-Verteiler eingetragen haben (Sollte Interesse am Verteiler bestehen, schreibt einfach eine Email inkl. Beweggrund an Kerem.Schamberger@ifkw.lmu.de). Weiterlesen

Die Idee des Nationalstaats durchläuft eine Metamorphose – Eine Rezension

Beck, U. (2017). Die Metamorphose der Welt. Berlin: Suhrkamp.

Metamorphose der Welt (Beck)

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Seit zwei Jahren ist der große Soziologe Ulrich Beck tot. Gestorben am 1. Januar 2015 erschien nun  im Winter 2017 post mortem sein letztes Werk: „Die Metamorphose der Welt“. Aus einer ersten fertigen Fassung konstruierte seine Frau Elisabeth Beck-Gernsheim das vorliegende Buch. Es stellt eine Weiterführung und zugleich Zusammenfassung seiner Theorie der Risikogesellschaft in Zeiten der Globalisierung dar, eine Beschreibung der stetigen Verwandlung der Welt. Dabei geht für ihn Metamorphose über den soziologischen Begriff des Wandels hinaus: „Die ewigen Gewissheiten moderner Gesellschaften brechen weg, und etwas ganz und gar Neues tritt auf den Plan“ (S. 15). Dieses Neue gelte es zu analysieren und zwar jenseits nationalstaatlicher Kategorien. Das Buch stellt, neben dem Versuch der Einführung vieler neuer soziologischer Begriffe, ein radikales Plädoyer für die Abkehr vom Denken in Nationalismen dar, für „eine Neukonfiguration des nationalzentrierten Weltbilds“ (S. 18). Durch die Verwandlung der Welt seien Nationen nicht mehr die zentralen Bezugspunkte. Neue „Fixsterne“ (S. 19) sind für den Soziologen die „Welt“ und die „Menschheit“. Dementsprechend müssten auch die Sozialwissenschaften endlich ihren methodologischen Nationalismus überwinden, so ein bereits seit Jahren von Beck geforderte Veränderung innerhalb des Wissenschaftsbetriebs (vgl. S. 79): „Wer als Soziologe innerhalb des nationalen Kontextes forscht, (…) bleibt, was er immer war: ein nationaler Soziologe.“ (S. 25) Weiterlesen

Abschließende Eindrücke aus Südkurdistan

Der Aufenthalt in Südkurdistan neigt sich dem Ende zu. Bald geht es wieder zurück nach Deutschland. In den letzten Tagen standen keine großen Reisen mehr an, sondern vor allem Interviews mit Journalisten und Wissenschaftlern.
Auf dem Campus der privaten University for Human Development treffe ich Dr. Ahmed Omar Bali.

Dr. Ahmed Omar Bali auf dem Campus der UHD.

Dr. Ahmed Omar Bali auf dem Campus der UHD.

Er ist dort Head of Public Relations und hat im letzten Jahr seine Doktorarbeit zum Thema „Politische Kommunikation in Kurdistan“ an der Sheffield Hallam-Universität in Großbritannien abgegeben. In seiner Promotion hat er mittels Inhaltsanalysen und (Experten-)Interviews die Berichterstattung und politische Ausrichtung der Fernsehsender Geli Kurdistan (gehört zur PUK), des Kurdish News Network TV (gehört zur Gorran-Bewegung) und von drei Nachrichtenseiten im Internet analysiert. Gleichzeitig arbeitete er als Journalist, Korrespondent und Radiomoderator.  Weiterlesen

Im Süden Kurdistans

Eines der letzten Newroz-Feste in Südkurdistan stand am Donnerstag, den 23. März an. Gemeinsam mit dem Rojnews-Jeep geht es nach Tuzhurmatu, das im Süden Südkurdistans liegt und von Bagdad nur knapp 200km entfernt ist. Die Stadt ist umkämpftes Gebiet zwischen schiitischen Turkmenen und Kurden. Die sogenannten Al-Haschd asch-Schaʿbī, auch bekannt als Volksmobilmachungseinheiten, einem von der irakischen Regierung (und dem Iran) geförderten Zusammenschluss von mehreren schiitschen Milizen, lieferten sich in den letzten Jahren immer wieder Gefechte mit Einheiten der PUK-Peshmerga um den Einfluss in der Stadt. Derzeit soll die Kontrolle nach einem Abkommen zwischen Bagdad und der Kurdistan Regional Gouvernement zu 60% in den Händen der Kurden und zu 40% auf Seiten der Volksmobilmachungseinheiten liegen. Die Front zum IS befindet sich nur wenige Kilometer weiter westlich. Auf unserer Fahrt von Süleymaniye über Kirkuk nach Tuzhurmatu verläuft die geradlinige Straße fast parallel zu einer von der Terrormiliz kontrollierten Region, die derzeit aber komplett von kurdischen und irakischen Einheiten umzingelt ist. Weiterlesen

Newroz-Feier in den Kandil-Bergen

04:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt und es geht los. Ich rolle die auf dem Boden ausgebreitete Decke zusammen und verstaue sie im Schrank neben technischem Gerät, das zur TV-Produktion dient. In Medien, die der kurdischen Freiheitsbewegung nahe stehen, ist es üblich, auch direkt in den Räumlichkeiten der Sender und Redaktionen zu leben. Heute geht es in das Kandil-Gebirge, dem berühmt berüchtigten Zentrum der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, die sich dort seit ungefähr 15 Jahren befindet. Seit einiger Zeit wird auch dort eine für alle Menschen öffentliche Newroz-Feier abgehalten. Zusammen mit Heval Kazim und dem Kurdsat-Journalisten Necmettin Salaz machen wir uns auf den Weg. Kazim ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Er ist Gründungsmitglied der PKK und war schon vor dem ersten Parteikongress am 27. November 1978 in der Gruppe um Abdullah Öcalan dabei. Als ich ihn am Abend zuvor fragte, woher aus Kurdistan er denn komme, lächelt er nur und meint: „Ich bin kein Kurde, sondern Türke. Meine Familie kommt aus Ankara“. Dies passiert mir immer wieder. Es wird deutlich, dass die PKK keine kurdisch-nationalistische Vereinigung, die sich auf Grundlage ihrer ethnischen Zugehörigkeit organisiert, ist. In ihr sind Menschen aus der ganzen Welt aktiv. Weiterlesen

Newroz und Presse in Machmur

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Noch zwei Tage bis zum 21. März – dem Höhepunkt des Neujahrsfestes Newroz. In allen Teilen Kurdistans gehen schon in den Tagen zuvor Menschen auf die Straße. Sie feiern und protestieren. Denn das Neujahr ist nur bedingt mit dem in Europa bekannten Silvesterfest zu vergleichen. Klar, es wird viel getanzt und gesungen, aber gleichzeitig hat Newroz immer auch eine starke politische Komponente. Es ist das Fest des Aufbegehrens gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Dies ist schon in seiner Mythologie verankert. Der Sage nach stürzte ein Schmied namens Kawa den grausamen, menschenfressenden Herrscher Dehok. Als Zeichen seines Sieges gegen die Ungerechtigkeit zündete er auf den Bergen Mesopotamiens ein großes Feuer an.
Im Zeichen des Widerstandes wird auch das Newroz-Fest in Machmur gefeiert, zu dem wir uns mit dem Rojnews-Jeep am 19. März auf den Weg machen. Die Stadt liegt 140 km westlich von Süleymaniye und befindet sich knapp 15km von der Front zum IS entfernt. In der Nacht sind die Luftangriffe der internationalen Koalition auf die Stellungen von Daesh, wie der IS im Nahen Osten herablassend genannt wird, zu hören.
Die etwa dreistündige Fahrt macht die verworrene Lage der Region in all ihrer Komplexität deutlich. Weiterlesen

Journalismus und Newroz-Fest. Im Gedenken an Wedat Hussein

Am 17. März 2017 wurde in Kifri die Saison der Newroz-Feierlichkeiten in Südkurdistan eröffnet. Während die dominierenden kurdischen Parteien, KDP (Kurdistan Democratic Party) und PUK (Patriotic Union of Kurdistan), in der Neujahrszeit auf politische Festivitäten verzichten, sieht das die kurdische Freiheitsbewegung, die PKK, anders. Diese organisiert sich in Südkurdistan unter dem Namen Tevgera Azadi und gliedert sich in die Gesamtstruktur der KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans) ein. Sie ist mehr Bewegung als Partei. Die bis 2014 existierende Vorgängerorganisation, die „Partei für eine demokratische Lösung in Kurdistan“ (PCDK), wurde im Mai 2014 von der KDP verboten und aufgelöst. Nun organisieren sich die Menschen, die mit der Weltanschauung Abdullah Öcalans sympathisieren, eben in der Tevgera Azadi, was auf Deutsch in etwas Freiheits-Bewegung heißt.2017-03-17 13.28.34 Mit einem Nachrichtenteam von Rojnews machen wir uns in der Früh auf den Weg in die ungefähr 150 Kilometer entfernte Kleinstadt Kifri. In der Stadt Kelar steigt der örtliche Korrespondent in den Wagen und beginnt schon während der Fahrt auf seinem Laptop zu arbeiten. Auf der Buckelpiste gleicht das einem kleinen Kunststück, aber er scheint solche Arbeitsbedingungen gewöhnt zu sein. Eine relativ stabile Internetverbindung wird hier übrigens durch mobile Internet-Router in Form kleiner Boxen sichergestellt, die jeder, der es sich leisten kann, in der Tasche dabei hat. So auch der Korrespondent aus Kelar. Weiterlesen

29. Jahre Giftgasangriff auf Halabdscha

Oder:  „im Zweifelsfall zugunsten des Freiheitsprinzips“ der deutschen Wirtschaft

Klonk, Klonk, Klonk. Am 16. März 1988 ertönten dumpfe metallene Aufschläge auf den niedrigen Dächern Halabdschas. Tödliche Gase, schwerer als Luft, begannen sich in den Straßen und Kellern auszubreiten und mit ihnen den Tod. Die 70.000 Einwohner zählende Stadt an der Grenze zum Iran war erst kurz zuvor von iranischen Revolutionseinheiten, unterstützt von kurdischen Kämpfern, im achten Jahr des Krieges gegen Saddam Hussein eingenommen worden.  Die irakische Luftwaffe warf daraufhin Senfgas un1d andere Kampfstoffe über der Stadt ab. Aber nicht bevor sie mit kleinen Papierschnipseln die Windrichtung getestet hatte, damit das Gift auch wirklich seine volle Wirkung entfalten und nicht davon geweht werden würde. Das Ziel war die kurdische Zivilbevölkerung und nicht das Militär, das sich durch Gasmasken schützen konnte. Bis zu 5000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder starben innerhalb von 60 Minuten. Sie erstickten. Besser gesagt verbrannten sie innerlich. Ungefähr 10.000 Personen wurden durch schwerste Verbrennungen und Verätzungen dauerhaft geschädigt. Noch heute leiden sie an den Langzeitschäden. Damals war der Irak ein Verbündeter des Westens, der USA und so folgte erst Tage und Monate später eine zögerliche Verurteilung des Massenmords. Der Spiegel schreibt dazu: „Die Empörung im Westen war so groß wie heuchlerisch. Weiterlesen

Nebelkerze „AKP-Auftrittsverbot“ in Deutschland

 Ein Kommentar von Kerem Schamberger

Ist uns eigentlich bewusst, dass die tagelange Debatte um ein Auftrittsverbot für AKP-Politiker in Deutschland von der Bundesregierung als Nebelkerze benutzt wird? Um gezielt von der eigenen deutschen Mitverantwortung beim Aufbau einer Diktatur in Ankara abzulenken. Schön hauen wir auf „die Türken“ ein, die nichts von Demokratie verstehen, Frauenrechte missachten, Oppositionelle einsperren und alles was ihnen nicht passt mit dem Terror-Bannstrahl belegen. Die eigene Rolle wird dabei von der Bundesregierung geflissentlich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

Deshalb sei hier noch einmal an drei Punkte erinnert: Weiterlesen

Exposé „Das kurdische Mediensystem“

Dr.ArbeitLiebe FreundInnen, liebe GenossInnen, liebe Wissenschafts-KollegInnen,

am Lehrstuhl Meyen des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) verfolgen wir ein Wissenschaftsverständnis, das nach möglichst großer Transparenz strebt.
Für mich ist es wichtig, dass universitäres Wissen nicht einfach nur in irgendwelchen teuren Journals verschwindet und nur von einer Handvoll KollegInnen gelesen wird (wenn überhaupt), sondern der Gesellschaft und interessierten Öffentlichkeit insgesamt zugänglich gemacht wird. Ich finde es wichtig aus dem „Elfenbeinturm Wissenschaft“ herauszukommen und mit möglichst vielen Menschen zu diskutieren.

In diesem Sinne werdet ihr hier immer wieder Informationen zum Stand meiner Doktorarbeit finden. Bereits beim Verfassen meiner Masterarbeit bin ich ähnlich vorgegangen und habe vor allem meine Forschungsreise nach Uganda im Januar/Februar 2016 dokumentiert.

Ich werde auf diesem Blog also immer wieder Gedankenfragmente zur Doktorarbeit veröffentlichen, auch wenn diese nicht vollkommen rund und abgeschlossen sind. Damit mache ich mich natürlich angreifbar. Aber in Diskussionen und Auseinandersetzungen kann man viel hinzulernen.
Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass eine Öffnung der Kommentarfunktion unterhalb der Blogbeiträge nur dazu führt, dass irgendwelcher Spam (z.B. Viagra-Werbung) gepostet wird, bitte ich euch bei Anmerkungen, Kritik, Ideen und anderen Hinweisen einfach eine Email an kerem.schamberger(at)ifkw.lmu.de zu schreiben. Gerne könnt ihr mich auch viel niederschwelliger auf Facebook kontaktieren.

Als erstes Dokument findet ihr hier mein Exposé zur Dissertation „Das kurdische Mediensystem“. Ich freue mich über Kritik und Anmerkungen.

Des weiteren werdet ihr hier in Zukunft finden:

  • Forschungsreiseberichte aus allen vier Teilen Kurdistans (Irak, Iran, Syrien, Türkei)
  • Buchbesprechungen und Zusammenfassungen von Literatur, die für das Projekt wichtig sind
  • relevante Dokumente, wie Fotos, NGO-Berichte oder auch Gesetzestexte.

Download the PDF file .

„Erkenntnisse“ des Verfassungsschutzes

VSSchreiben Blog

Liebe FreundInnen, liebe GenossInnen, liebe Öffentlichkeit,
hier findet ihr nun die „Erkenntnismitteilung“ des bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz (VS) zu meiner Person. Übertitelt ist das Schreiben mit: „Pflicht zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst“.

Ich veröffentliche diese Unterlagen zum einen, um die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes deutlich zu machen. Um zu zeigen, welche politische Aktivitäten dazu führen, dass man ins Visier dieser „Sicherheitsbehörde“ gerät. Um zu zeigen, was dieser Dienst als verfassungsfeindliche Aktivitäten wertet. Zum anderen veröffentliche ich diese Erkenntnisse um Transparenz zu schaffen und zu zeigen, dass ich nichts zu verbergen habe und der Verfassungsschutz keinen einzigen Nachweis für irgendeine verfassungsfeindliche Aktivität meinerseits geliefert hat. Das wird ihm auch schwer fallen, denn die gibt es ganz einfach nicht.

Am wichtigsten ist das erste Schreiben. Dort sind alle „Erkenntnisse“ aufgelistet und teilweise bewertet. Personenbezogene Daten Dritter habe ich natürlich geschwärzt.

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Neujahrsbotschafen von Demirtas, Yüksekdag und Tuncel

„Wir sind in unseren Zellen zwar alleine, aber dies ist das Neujahr, das wir gleichzeitig mit den meisten Menschen verbringen. Denn wir wissen, Millionen von Herzen sind an unserer Seite.“

Liebe GenossInnen, liebe FreundInnen, liebe Öffentlichkeit,als Neujahrsnachricht will ich mit euch Auszüge aus den heutigen Erklärungen der inhaftierten Vorsitzenden der Demokratischen Partei der Völker, HDP und der Partei der Demokratischen Regionen, DBP, Selahattin Demirtaş, Figen Yüksekdağ und Sebahat Tuncel teilen: Weiterlesen

Türkei-Update 30.12.16 NEUERUNG

Liebe FreundInnen, Liebe GenossInnen, Liebe Öffentlichkeit,

ich bin nach wie vor auf Facebook gesperrt. Allerdings haben wir einen (vorläufigen) Weg gefunden, um die Sperrung zu umgehen.
Seit letzter Woche findet ihr neben meinem persönlichen (derzeit gesperrten) Profil nun auch eine „Kerem Schamberger“-Facebookseite. Von dort aus werden während der Sperrung des persönlichen Profils aktuelle Türkei/Nordkurdistan-Nachrichten gepostet.
Vielleicht denkt ihr euch jetzt: Warum kehrt er trotz der ganzen Sperrungen und Schikanen immer wieder zu Facebook zurück?
Es liegt an der Reichweite. Weiterlesen

Türkei-Update 28.12.16

5. Roboski – 28.12.11 – unvergessen!
Heute vor fünf Jahren bombardierte die türkische Luftwaffe eine Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im kurdischen Grenzgebiet in der Gegend des Roboski-Dorfes, obwohl sie wussten, dass es sich dabei um Zivilisten handelte, die Grenzhandel betrieben. 34 Menschen, die meisten davon Jugendliche, starben. Bis heute gab es keine wirklichen Ermittlungen zu dem Massenmord. Hochrangige beteiligte Militärs wurden im Anschluss sogar belobigt und befördert.
Und auch am heutigen Tag verhindert das türkische Militär ein würdiges Andenken an die Toten. Derzeit behindert es alle Gedenk- und Protestveranstaltungen in Roboski. Bereits im Vorfeld wurden mehrere Mitglieder der Encü-Familie, die die meisten Toten zu beklagen hatte, sowie vor Ort lebende Friedensaktivisten, wie der türkische Ex-Soldat Yannis Vasilis Yaylalı, in Untersuchungshaft genommen, um ein Gedenken zu verhindern. Das Militär ging sogar so weit, den Familienmitglieder zu drohen: „Wenn ihr ein Gedenken durchführt, könnt ihr die Menschen in Untersuchungshaft vergessen.“ Weiterlesen