Newroz-Feier in den Kandil-Bergen

04:00 Uhr morgens. Der Wecker klingelt und es geht los. Ich rolle die auf dem Boden ausgebreitete Decke zusammen und verstaue sie im Schrank neben technischem Gerät, das zur TV-Produktion dient. In Medien, die der kurdischen Freiheitsbewegung nahe stehen, ist es üblich, auch direkt in den Räumlichkeiten der Sender und Redaktionen zu leben. Heute geht es in das Kandil-Gebirge, dem berühmt berüchtigten Zentrum der Arbeiterpartei Kurdistans PKK, die sich dort seit ungefähr 15 Jahren befindet. Seit einiger Zeit wird auch dort eine für alle Menschen öffentliche Newroz-Feier abgehalten. Zusammen mit Heval Kazim und dem Kurdsat-Journalisten Necmettin Salaz machen wir uns auf den Weg. Kazim ist eine beeindruckende Persönlichkeit. Er ist Gründungsmitglied der PKK und war schon vor dem ersten Parteikongress am 27. November 1978 in der Gruppe um Abdullah Öcalan dabei. Als ich ihn am Abend zuvor fragte, woher aus Kurdistan er denn komme, lächelt er nur und meint: „Ich bin kein Kurde, sondern Türke. Meine Familie kommt aus Ankara“. Dies passiert mir immer wieder. Es wird deutlich, dass die PKK keine kurdisch-nationalistische Vereinigung, die sich auf Grundlage ihrer ethnischen Zugehörigkeit organisiert, ist. In ihr sind Menschen aus der ganzen Welt aktiv. Weiterlesen

Newroz und Presse in Machmur

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Noch zwei Tage bis zum 21. März – dem Höhepunkt des Neujahrsfestes Newroz. In allen Teilen Kurdistans gehen schon in den Tagen zuvor Menschen auf die Straße. Sie feiern und protestieren. Denn das Neujahr ist nur bedingt mit dem in Europa bekannten Silvesterfest zu vergleichen. Klar, es wird viel getanzt und gesungen, aber gleichzeitig hat Newroz immer auch eine starke politische Komponente. Es ist das Fest des Aufbegehrens gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Dies ist schon in seiner Mythologie verankert. Der Sage nach stürzte ein Schmied namens Kawa den grausamen, menschenfressenden Herrscher Dehok. Als Zeichen seines Sieges gegen die Ungerechtigkeit zündete er auf den Bergen Mesopotamiens ein großes Feuer an.
Im Zeichen des Widerstandes wird auch das Newroz-Fest in Machmur gefeiert, zu dem wir uns mit dem Rojnews-Jeep am 19. März auf den Weg machen. Die Stadt liegt 140 km westlich von Süleymaniye und befindet sich knapp 15km von der Front zum IS entfernt. In der Nacht sind die Luftangriffe der internationalen Koalition auf die Stellungen von Daesh, wie der IS im Nahen Osten herablassend genannt wird, zu hören.
Die etwa dreistündige Fahrt macht die verworrene Lage der Region in all ihrer Komplexität deutlich. Weiterlesen

Journalismus und Newroz-Fest. Im Gedenken an Wedat Hussein

Am 17. März 2017 wurde in Kifri die Saison der Newroz-Feierlichkeiten in Südkurdistan eröffnet. Während die dominierenden kurdischen Parteien, KDP (Kurdistan Democratic Party) und PUK (Patriotic Union of Kurdistan), in der Neujahrszeit auf politische Festivitäten verzichten, sieht das die kurdische Freiheitsbewegung, die PKK, anders. Diese organisiert sich in Südkurdistan unter dem Namen Tevgera Azadi und gliedert sich in die Gesamtstruktur der KCK (Union der Gemeinschaften Kurdistans) ein. Sie ist mehr Bewegung als Partei. Die bis 2014 existierende Vorgängerorganisation, die „Partei für eine demokratische Lösung in Kurdistan“ (PCDK), wurde im Mai 2014 von der KDP verboten und aufgelöst. Nun organisieren sich die Menschen, die mit der Weltanschauung Abdullah Öcalans sympathisieren, eben in der Tevgera Azadi, was auf Deutsch in etwas Freiheits-Bewegung heißt.2017-03-17 13.28.34 Mit einem Nachrichtenteam von Rojnews machen wir uns in der Früh auf den Weg in die ungefähr 150 Kilometer entfernte Kleinstadt Kifri. In der Stadt Kelar steigt der örtliche Korrespondent in den Wagen und beginnt schon während der Fahrt auf seinem Laptop zu arbeiten. Auf der Buckelpiste gleicht das einem kleinen Kunststück, aber er scheint solche Arbeitsbedingungen gewöhnt zu sein. Eine relativ stabile Internetverbindung wird hier übrigens durch mobile Internet-Router in Form kleiner Boxen sichergestellt, die jeder, der es sich leisten kann, in der Tasche dabei hat. So auch der Korrespondent aus Kelar. Weiterlesen

29. Jahre Giftgasangriff auf Halabdscha

Oder:  „im Zweifelsfall zugunsten des Freiheitsprinzips“ der deutschen Wirtschaft

Klonk, Klonk, Klonk. Am 16. März 1988 ertönten dumpfe metallene Aufschläge auf den niedrigen Dächern Halabdschas. Tödliche Gase, schwerer als Luft, begannen sich in den Straßen und Kellern auszubreiten und mit ihnen den Tod. Die 70.000 Einwohner zählende Stadt an der Grenze zum Iran war erst kurz zuvor von iranischen Revolutionseinheiten, unterstützt von kurdischen Kämpfern, im achten Jahr des Krieges gegen Saddam Hussein eingenommen worden.  Die irakische Luftwaffe warf daraufhin Senfgas un1d andere Kampfstoffe über der Stadt ab. Aber nicht bevor sie mit kleinen Papierschnipseln die Windrichtung getestet hatte, damit das Gift auch wirklich seine volle Wirkung entfalten und nicht davon geweht werden würde. Das Ziel war die kurdische Zivilbevölkerung und nicht das Militär, das sich durch Gasmasken schützen konnte. Bis zu 5000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder starben innerhalb von 60 Minuten. Sie erstickten. Besser gesagt verbrannten sie innerlich. Ungefähr 10.000 Personen wurden durch schwerste Verbrennungen und Verätzungen dauerhaft geschädigt. Noch heute leiden sie an den Langzeitschäden. Damals war der Irak ein Verbündeter des Westens, der USA und so folgte erst Tage und Monate später eine zögerliche Verurteilung des Massenmords. Der Spiegel schreibt dazu: „Die Empörung im Westen war so groß wie heuchlerisch. Weiterlesen

Nebelkerze „AKP-Auftrittsverbot“ in Deutschland

 Ein Kommentar von Kerem Schamberger

Ist uns eigentlich bewusst, dass die tagelange Debatte um ein Auftrittsverbot für AKP-Politiker in Deutschland von der Bundesregierung als Nebelkerze benutzt wird? Um gezielt von der eigenen deutschen Mitverantwortung beim Aufbau einer Diktatur in Ankara abzulenken. Schön hauen wir auf „die Türken“ ein, die nichts von Demokratie verstehen, Frauenrechte missachten, Oppositionelle einsperren und alles was ihnen nicht passt mit dem Terror-Bannstrahl belegen. Die eigene Rolle wird dabei von der Bundesregierung geflissentlich aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

Deshalb sei hier noch einmal an drei Punkte erinnert: Weiterlesen

Exposé „Das kurdische Mediensystem“

Dr.ArbeitLiebe FreundInnen, liebe GenossInnen, liebe Wissenschafts-KollegInnen,

am Lehrstuhl Meyen des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) verfolgen wir ein Wissenschaftsverständnis, das nach möglichst großer Transparenz strebt.
Für mich ist es wichtig, dass universitäres Wissen nicht einfach nur in irgendwelchen teuren Journals verschwindet und nur von einer Handvoll KollegInnen gelesen wird (wenn überhaupt), sondern der Gesellschaft und interessierten Öffentlichkeit insgesamt zugänglich gemacht wird. Ich finde es wichtig aus dem „Elfenbeinturm Wissenschaft“ herauszukommen und mit möglichst vielen Menschen zu diskutieren.

In diesem Sinne werdet ihr hier immer wieder Informationen zum Stand meiner Doktorarbeit finden. Bereits beim Verfassen meiner Masterarbeit bin ich ähnlich vorgegangen und habe vor allem meine Forschungsreise nach Uganda im Januar/Februar 2016 dokumentiert.

Ich werde auf diesem Blog also immer wieder Gedankenfragmente zur Doktorarbeit veröffentlichen, auch wenn diese nicht vollkommen rund und abgeschlossen sind. Damit mache ich mich natürlich angreifbar. Aber in Diskussionen und Auseinandersetzungen kann man viel hinzulernen.
Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass eine Öffnung der Kommentarfunktion unterhalb der Blogbeiträge nur dazu führt, dass irgendwelcher Spam (z.B. Viagra-Werbung) gepostet wird, bitte ich euch bei Anmerkungen, Kritik, Ideen und anderen Hinweisen einfach eine Email an kerem.schamberger(at)ifkw.lmu.de zu schreiben. Gerne könnt ihr mich auch viel niederschwelliger auf Facebook kontaktieren.

Als erstes Dokument findet ihr hier mein Exposé zur Dissertation „Das kurdische Mediensystem“. Ich freue mich über Kritik und Anmerkungen.

Des weiteren werdet ihr hier in Zukunft finden:

  • Forschungsreiseberichte aus allen vier Teilen Kurdistans (Irak, Iran, Syrien, Türkei)
  • Buchbesprechungen und Zusammenfassungen von Literatur, die für das Projekt wichtig sind
  • relevante Dokumente, wie Fotos, NGO-Berichte oder auch Gesetzestexte.

Download the PDF file .

„Erkenntnisse“ des Verfassungsschutzes

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Liebe FreundInnen, liebe GenossInnen, liebe Öffentlichkeit,
hier findet ihr nun die „Erkenntnismitteilung“ des bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz (VS) zu meiner Person. Übertitelt ist das Schreiben mit: „Pflicht zur Verfassungstreue im öffentlichen Dienst“.

Ich veröffentliche diese Unterlagen zum einen, um die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes deutlich zu machen. Um zu zeigen, welche politische Aktivitäten dazu führen, dass man ins Visier dieser „Sicherheitsbehörde“ gerät. Um zu zeigen, was dieser Dienst als verfassungsfeindliche Aktivitäten wertet. Zum anderen veröffentliche ich diese Erkenntnisse um Transparenz zu schaffen und zu zeigen, dass ich nichts zu verbergen habe und der Verfassungsschutz keinen einzigen Nachweis für irgendeine verfassungsfeindliche Aktivität meinerseits geliefert hat. Das wird ihm auch schwer fallen, denn die gibt es ganz einfach nicht.

Am wichtigsten ist das erste Schreiben. Dort sind alle „Erkenntnisse“ aufgelistet und teilweise bewertet. Personenbezogene Daten Dritter habe ich natürlich geschwärzt.

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Neujahrsbotschafen von Demirtas, Yüksekdag und Tuncel

„Wir sind in unseren Zellen zwar alleine, aber dies ist das Neujahr, das wir gleichzeitig mit den meisten Menschen verbringen. Denn wir wissen, Millionen von Herzen sind an unserer Seite.“

Liebe GenossInnen, liebe FreundInnen, liebe Öffentlichkeit,als Neujahrsnachricht will ich mit euch Auszüge aus den heutigen Erklärungen der inhaftierten Vorsitzenden der Demokratischen Partei der Völker, HDP und der Partei der Demokratischen Regionen, DBP, Selahattin Demirtaş, Figen Yüksekdağ und Sebahat Tuncel teilen: Weiterlesen

Türkei-Update 30.12.16 NEUERUNG

Liebe FreundInnen, Liebe GenossInnen, Liebe Öffentlichkeit,

ich bin nach wie vor auf Facebook gesperrt. Allerdings haben wir einen (vorläufigen) Weg gefunden, um die Sperrung zu umgehen.
Seit letzter Woche findet ihr neben meinem persönlichen (derzeit gesperrten) Profil nun auch eine „Kerem Schamberger“-Facebookseite. Von dort aus werden während der Sperrung des persönlichen Profils aktuelle Türkei/Nordkurdistan-Nachrichten gepostet.
Vielleicht denkt ihr euch jetzt: Warum kehrt er trotz der ganzen Sperrungen und Schikanen immer wieder zu Facebook zurück?
Es liegt an der Reichweite. Weiterlesen

Türkei-Update 28.12.16

5. Roboski – 28.12.11 – unvergessen!
Heute vor fünf Jahren bombardierte die türkische Luftwaffe eine Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im kurdischen Grenzgebiet in der Gegend des Roboski-Dorfes, obwohl sie wussten, dass es sich dabei um Zivilisten handelte, die Grenzhandel betrieben. 34 Menschen, die meisten davon Jugendliche, starben. Bis heute gab es keine wirklichen Ermittlungen zu dem Massenmord. Hochrangige beteiligte Militärs wurden im Anschluss sogar belobigt und befördert.
Und auch am heutigen Tag verhindert das türkische Militär ein würdiges Andenken an die Toten. Derzeit behindert es alle Gedenk- und Protestveranstaltungen in Roboski. Bereits im Vorfeld wurden mehrere Mitglieder der Encü-Familie, die die meisten Toten zu beklagen hatte, sowie vor Ort lebende Friedensaktivisten, wie der türkische Ex-Soldat Yannis Vasilis Yaylalı, in Untersuchungshaft genommen, um ein Gedenken zu verhindern. Das Militär ging sogar so weit, den Familienmitglieder zu drohen: „Wenn ihr ein Gedenken durchführt, könnt ihr die Menschen in Untersuchungshaft vergessen.“ Weiterlesen

Türkei-Update 27.12.16

Auch über die Weihnachtsfeiertage sind die, eigentlich unglaublichen, Entwicklungen in der Türkei immer weiter fortgeschritten. Hier ein Versuch einige dieser Geschehnisse für euch zusammenzufassen. Die folgenden fünf Kurznachrichten sind nur einige wenige Beispiele der Geschehnisse der letzten Tage. Es ist mir leider zeitlich nicht möglich alle Entwicklungen immer festzuhalten. Das wurmt mich selber, aber ich mache das ja auch nicht hauptberuflich.

5. „Wir sind wieder gekommen, ihr Kleider tragende Genossen“
In der Nacht von Montag auf Dienstag wurden die Strukturen der HDP in Sultanbeyli von der Polizei angegriffen. Sieben HDP-Aktivisten, darunter der örtliche Vorsitzende Selahattin Yilmaz, wurden in Untersuchungshaft genommen und das Parteibüro von den Polizisten zerstört. Sie hinterließen, wie so oft, an die Wände gesprühte Nachrichten. Darunter drei Halbmonde als Zeichen der türkischen Grauen Wölfe und den Spruch „Wir sind wieder gekommen, ihr Kleider tragende Genossen“ (Bild), als manifester Ausdruck der Homophobie türkischer Sicherheitskräfte (mehr Bilder der Zerstörung des Parteibüros findet ihr hier).
In anderen Teilen des Landes ging die Jagd auf kurdische linke Aktivisten und Politiker ebenfalls weiter. In der Gemeinde Ömerli bei Mardin wurde zum Beispiel der Ko-Bürgermeister Süleyman Tekin in Untersuchungshaft genommen. Auch die Spitzenpolitikerin und stellvertretende Vorsitzende der HDP, Aysel Tugluk, wurde am 25.12.16 inhaftiert. Sie war von 2007-2015 Parlamentsabgeordnete.
(Quelle 1, 2, 3)
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Türkei-Update 25.12.16

Da mein Facebook-Profil nun wieder für 30 Tage wegen eines nicht mehr existierenden Posts gesperrt wurde, wird es hier nun wieder ab und zu aktuelle Türkei-Updates geben. Denn der weitere Umbau der Türkei in eine Diktatur geht jeden Tag weiter. Und darüber muss berichtet werden.

4. So werden Journalisten in der Türkei festgenommen
Eine weitere Nachricht in Bezug auf die heute inhaftierten Journalisten, die zeigt, wie mit den festgenommenen Menschen umgegangen wird. Ömer Çelik, der Nachrichtenchef der kurdischen Nachrichtenagentur DIHA, die im Oktober verboten wurde, ist heute früh in seiner Wohnung in Diyarbakir in Haft genommen worden. Um vier Uhr früh drangen die Polizisten in seine Wohnung ein, in der sich zu diesem Zeitpunkt der Journalist, seine Ehefrau, sowie seine Mutter aufhielten. Sie mussten sich auf den Boden legen und die Polizisten schlugen den Journalisten vor den Augen seiner Familie zusammen. Dabei schrien sie: „Du schreibst also Nachrichten? Dann berichte doch auch darüber. Ihr seid alles armenische Bastarde.“ Einer der Polizisten richtete eine Waffe auf den Kopf von Çeliks Mutter und rief „Warum hast du zugelassen, dass er Journalist wird?“ Die Polizisten durchsuchten seine Wohnung für zwei Stunden und nahmen ihn anschließend auf die Polizeiwache mit. (Quelle)

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Wieder Facebook-Zensur – es wird immer verrückter

Wieder Facebook-Zensur wegen bereits gelöschtem Beitrag

Die Facebook-Zensur geht weiter. Diesmal am Weihnachtstag, dem 24.12.16, und diesmal noch verrückter als bisher. Ich bin erneut für 30 Tage gesperrt worden, für einen 2,5 Jahre alten Post, der bereits vor sechs Wochen von Facebook gelöscht worden war und an dem eine Bundestagsabgeordnete und eine führendes Mitglied der griechischen Regierungspartei Syriza beteiligt waren. Aber lest selber: Weiterlesen

Es ist geschafft – Drohendes Berufsverbot abgewendet!

Die Süddeutsche Zeitung berichtet über die Anstellung: Kommunist darf an Münchner Universität arbeiten
Und auch die Abendzeitung schreibt ein paar Worte dazu: DKP-Mitglied darf jetzt doch an der Uni arbeiten

Liebe FreundInnen, liebe GenossInnen, liebe Öffentlichkeit,

es ist geschafft. Ich werde ab dem 1. Januar 2017 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) als Wissenschaftlicher Mitarbeiter auf einer 50%-Stelle angestellt.

Die LMU hat sich dem Begehren der Bayerischen Landesregierung, die unselige Politik der Berufsverbote wieder zu beleben, widersetzt. Das ist gut und entspricht unserem Grundgesetz. Weiterlesen

Türkei-Update 11.12.16

Seit vorgestern Abend ist mein Facebook-Profil wieder entsperrt. Ich weiß nicht, wie das passiert ist, aber vielleicht hat der öffentliche und nicht-öffentliche Druck etwas gebracht? Eine Nachricht von Facebook hat mich dazu nicht erreicht, nur durch Zufall habe ich mitbekommen, dass die Sperrung aufgehoben worden ist. Vermutlich werde ich meine Blog-Aktivitäten wieder schwerpunktmäßig auf Facebook verlagern. Nicht, weil ich jetzt wieder ein großer Fan dieses Social Media-Monopols geworden bin, sondern weil es einfacher und schneller handzuhaben ist. In den nächsten drei Wochen könnt ihr aber weiterhin eine wöchentliche Zusammenfassung meiner Posts auf der Seite der Rosa Luxemburg-Stiftung finden, die sich damit sehr solidarisch mit denjenigen zeigt, die von Facebook aufgrund ihrer Türkei- und Nordkurdistanberichterstattung zensiert werden.

Hier nun das vorerst letzte (bis zur nächsten Sperrung?!) Türkei-Update auf diesem Blog vom 11.12.16: Weiterlesen

Türkei-Update 10.12.16

3. Bevölkerung weiß: Justiz handelt nach politischen Vorgaben
Das Umfrageinstitut AKAM hat 1200 Menschen in kurdischen Städten wie Diyarbakır, Van, Urfa, Siirt, Mardin, Batman etc. zu aktuellen politischen Themen und Wahlneigungen befragt. Wären jetzt Wahlen, würde die HDP laut den Befragten in der Region erneut stärkste Kraft werden und sogar noch etwas Stimmen hinzugewinnen. Die AKP hingegen würde leicht verlieren. Eine Mehrheit der Befragten (57%), egal zu welcher Parteien sie tendieren, hält es für dringend notwendig, dass die HDP weiterhin im Parlament arbeitet und nicht hinausgedrängt wird.
Interessant ist die Antwort auf folgende Frage: „Auch wenn Selahattin Demirtas die Regierung bezüglich der Errichtung eines Präsidialsystems unterstützt hätte, wäre er trotzdem festgenommen worden?“.
Fast 66% der befragten kurdischen AKP-Wähler, 88% der HDP-Wähler und 79% der Wähler anderer Parteien gaben bei dieser Frage die Antwort „Nein, er wäre nicht inhaftiert worden“ an. Dies verdeutlicht, dass sich die Menschen der politischen Justiz durchaus bewusst sind und wissen, wie es in der Türkei läuft.
42,5% der Befragten gaben zudem an, dass sie gegen ein Präsidialsystem seien, 21,75% sind bisher unentschlossen. (Quelle) Weiterlesen

Türkei-Update 09.12.16

Die kommenden Tage wird es weniger Updates und Nachrichten geben, da ich mich gerade in Bukarest befinde.

5. Anstalt für Presseanzeigen entzieht Gelder für kurdischsprachige Zeitungen
Die Anstalt für Presseanzeigen, die in verschiedenen lokalen Zeitungen staatliche Anzeigen schaltet und damit meist die Haupteinnahmequelle für die ansonsten oft nicht ausreichend profitabel arbeitenden Regionalzeitungen darstellt, hat verordnet, dass nur noch in rein türkischsprachigen Zeitungen Regierungserklärungen und Gesetzesänderungen abgedruckt werden dürfen. Damit zwingt sie kleinere Zeitungen im kurdischen Teil der Türkei dazu ihre Seiten auf Kurdisch abzuschaffen, da ansonsten die Existenz der kompletten Zeitungen in Gefahr ist. Dies trifft zum Beispiel für die Zeitungen Özgür Gün und Tigris zu. Diese haben ihre kurdischsprachigen Seiten ab sofort gestrichen. (Quelle)

4. Journalistin Zehra Doğan freigelassen
Eine gute Nachricht: Die seit 4,5 Monaten inhaftierte Journalistin Zehra Doğan wurde heute am ersten Prozesstag bis zur Urteilsverkündung auf freien Fuß gesetzt. Sie wurde am 23. Juli in Untersuchungshaft genommen. Ihr wurde, wie immer, „Mitgliedschaft in und Propaganda für eine Terrororganisation“ vorgeworfen. Sie hatte unter anderem über die vom türkischen Militär zerstörte Stadt Nusaybin berichtet. Selbst Bilder, die sie zur Verarbeitung ihrer Kriegserlebnisse gemalt hatte, wurden in die „Beweisführung“ der türkischen Staatsanwaltschaft aufgenommen. Die beiden Bilder zeigen zum einen den Moment ihrer Entlassung (Zehra ist in der Mitte) und zum anderen eine ihrer Zeichnungen aus Nusaybin. (Quelle 1, 2)cvmrvyiwiaebzsp-jpg-large zehr
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Türkei-Update 08.12.16

4. HDP-Abgeordnete Hüda Kaya heute festgenommen und wieder freigelassen
Die HDP-Abgeordnete Hüda Kaya wurde heute in Istanbul kurzfristig festgenommen, da sie nicht auf Vorladungen der türkischen Staatsanwaltschaft reagiert hatte und eine Aussage verweigerte. Die Polizisten nahmen sie vor ihrer Haustür fest und brachten sie unter Zwang zur Staatsanwaltschaft. Dort wurde sie nach ihren Einlassungen wieder freigelassen. Der türkische Staat hat keinerlei Respekt mehr vor den gewählten Abgeordneten des Parlaments. (Quelle)czjorysweaaxpqa3. Mehrsprachige Tafeln von Statthalter abmontiert
Der Zwangsverwalter der Stadtteilregierung Sur, Bilal Özkan, hat eine mehrsprachige Tafel vom Sur-Rathaus abmontieren und durch eine türkische Fahne ersetzen lassen. Seit 2012 war die Tafel mit der armenisch-, assyrisch-, kurdisch- und türkischsprachigen Bezeichnung „Sur Rathaus“ gehangen. Solche Aktionen sagen sehr viel über den Geist des türkischen Zentralstaates und seiner Verwalter aus. (Quelle) kayyim_ermenice_ve_suryanice_tabelayi_indirdi_h76488_2e92e Weiterlesen

Türkei-Update 07.12.16

8. Hatice Kamer berichtet aus Diyarbakir
Eine der wenigen verbliebenen Journalistinnen, die direkt aus Nordkurdistan berichtet. Dies ist ihr aktueller hörenswerter Beitrag:
„Ich weiß nur, dass auf jedes laute Schweigen der Kurden ein gewaltiger Ausbruch folgte.“

7. Eine aktuelle Nachricht von Selahattin Demirtas
Am heutigen Mitwoch konnte die Familie des inhaftierten HDP-Ko-Vorsitzenden ihren Vater/Ehemann/Sohn/Bruder im Gefängnis in Edirne besuchen. Anschließend wurde ein Brief des Politikers veröffentlicht, den ihr hier übersetzt findet:

„In diesem von uns geführten heftigen politischen Kampf sind wir für einen gewissen Zeitraum dazu gezwungen worden, den Ort der Auseinandersetzung zu verändern. Allerdings ist unsere Kampfentschlossenheit, unsere Moral und unser Eifer größer als je zuvor. Ich will, dass ihr von Herzen daran glaubt.
Die HDP ist für alle Völker der Türkei die einzige Hoffnungsquelle. Das Bedürfnis nach Freiheit und Frieden, sowie unsere Verbindung mit unserem Volk und andersherum ebenfalls, dies sind Gefühle, die so stark sind, dass sie nicht auf vier Wände begrenzt werden können.
Das all unsere Genossen ihre tugendhafte Verantwortung und Aufgabe in diesem Kampf, den die Geschichte uns aufertragen hat, ohne zu zögern wahrnehmen, stellt für mich hier eine Quelle der Moral dar. Seid euch bewusst, dass diese Geisel-Situation nicht lange dauern wird. Die größte Antwort auf den politischen Geist, der uns hier in illegaler Weise als Geiseln nimmt, ist es, die HDP größer und stärker zu machen.
Ich vertraue und glaube an euch alle. Seid euch sicher, dass wir alle gemeinsam noch größere Erfolge erreichen werden.
Uns geht es wirklich gut, unsere Moral ist hoch. Euch soll es genauso gehen. An alle meine aktiv arbeitenden Freunde richte ich meine herzlichen Grüße aus.

In Freundschaft

Selahattin Demirats“
(Quelle)

6. Fünf Jahre Haft für HDP-Imam und Abgeordneten?
Die türkische Staatsanwaltschaft fordert für den HDP-Abgeordneten und früheren Oberimam von Diyarbakir, Nimetullah Erdoğmuş, bis zu fünf Jahre Haft, da er im März 2016 zu einem „Gebet des zivilen Ungehorsams“ aufgerufen hatte. Diese Aktionsform richtet sich an gläubige Kurden, die so auf der Straße und nicht in der Moschee zum Beten zusammenkommen. Damit leben sie zum einen ihren Glauben aus, zum anderen protestieren sie gegen die anti-kurdische Politik des Zentralstaats, die sich vor allem auch bei den von Ankara eingesetzten Moschee-Imamen zeigt. Diese sind bekannt für ihre provokanten, teils rassistischen, Predigten, die sich vor allem gegen die kurdische Freiheitsbewegung richten. Um dagegen zu protestieren gehen viele Kurden nicht mehr in die Moscheen, sondern beten mitten auf der Straße. Die Staatsanwaltschaft sieht einen Aufruf zu einem solchen „Gebet des zivilen Ungehorsams“ bereits als Terrorpropaganda an und fordert eine entsprechend hohe Haftstrafe für Erdoğmuş. Auch der inhaftierte Selahattin Demirtas hat übrigens eine Anzeige wegen der gleichen Sache am Laufen. Das Bild zeigt diese Aktionsform. (Quelle 1, 2) hdp_li_vekile_sivil_cuma_namazi_davasi_h76449_bf4a9 Weiterlesen