Am dritten Tag des 23. Farkha-Festivals wurde erst mal der Friedhof von Unkraut und Schmutz gereinigt. Das Andenken an Tote wird hier anders zelebriert als in Europa. Würde man am Farkha-Friedhof vorbeilaufen, wäre dieser erst nicht richtig als Gedenkstätte für Verstorbene zu erkennen: Eine schlichte Betonmauer läuft um ein vermeintlich unbebautes verwildertes Grundstück. Erst auf den zweiten Blick erkennt man verwitterte, im Boden eingelassene Betonplatten.

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Arbeiten auf dem Friedhof: Unkraut jäten bei 38 Grad Hitze

Blumendekoration gibt es nicht und Inschriften sind sehr selten und kaum lesbar. In meiner Arbeitsgruppe befinden sich vor allem sehr junge GenossInnen, die noch nicht sehr politisiert sind und vermutlich auch primär aus familiären Gründen in der PPP-Jugend aktiv sind. Genauso wie in der Türkei werden politische Überzeugungen oft „vererbt“. Das heißt, dass ganze Familien in der kommunistischen Bewegung aktiv sind. Diese Beobachtung ist natürlich nicht zu verabsolutieren, aber es scheint öfters vorzukommen als in Deutschland. Wenn, dann findet eine politische Bewusstwerdung im Sinne von Beschäftigung mit marxistischer Theorie und anderen Inhalten, erst später statt.

Noch ein kurzer Rückblick auf den Abend zuvor. Eine linke Theatergruppe aus Tulkarem, einer Stadt direkt an der Grenze zur israelischen Apartheidsmauer, führt ein Stück gegen Flucht/Auswanderung ins Ausland (und nach Europa) auf. In Form einer familiären Auseinandersetzung wird dargestellt, dass ein Verlassen Palästinas einem Sieg der israelischen Besatzer gleichkommt. Es komme aber darauf an hier vor Ort, auch unter widrigen Bedingungen, Widerstand zu leisten und zu leben. Die gleiche Gruppe hatte ich schon vor einigen Jahren auf dem Festival gesehen. Damals hatten sie eine Vorstellung gegen häusliche und familiäre Gewalt gegen Frauen in Palästina aufgeführt.

Während der Aufführung komme ich mit Salwa ins Gespräch. Sie arbeitet für das Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (JLAC). Die Organisation, die vor mehr als 40 Jahren gegründet wurde, bietet juristische Hilfe für Gemeinschaften und Individuen an, die von Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf dem Kampf gegen illegale Häuserzerstörung seitens Israel, Zwangsräumungen, Landkonfiszierungen und in letzter Zeit immer mehr auf dem Versuch der juristischen Verfolgung von Siedlergewalt. Die Genossin hat in letzter Zeit vor allem mit Familien zu tun, deren Kinder (Messer-)Attacken auf Siedler begangen haben und dabei erschossen wurden. Die meisten dieser Jugendlichen, sagt Salwa, stammen aus ärmsten Verhältnissen ohne Bildung und Zukunftsperspektiven. Sie seien nicht von irgendeiner Art des Antisemitismus getrieben, sondern von ihrem Hass auf die Hauptverantwortlichen für ihre Situation. Dies führe zu einer Form des erweiterten Selbstmords, da den Tätern bewusst sei, dass sie so gut wie sicher erschossen werden. Die Hinterbliebenen hätten anschließend mit zahlreichen Beschränkungen seitens der israelischen Besatzer zu leben.
JLAC ist international gut vernetzt. Erst vor vier Wochen war Salwa in Istanbul auf einem Workshop des Hafiza Merkezi (auf deutsch in etwa „Erinnerungszentrum“), einer türkisch-kurdischen Menschenrechtsorganisation, die sich mit in der Vergangenheit liegenden (Menschen-)Rechtsverletzungen beschäftigt, diese vor Gericht bringt und damit auch die kollektive gesellschaftliche Erinnerung an solche Ereignisse stärken will. Derzeit setzt sich Hafiza Merkezi vor allem für den seit 68 Tagen verschwundenen kurdischen DBP-Kovorsitzenden von Sirnak, Hurşit Külter, ein. Die Solidarität mit der kurdischen Zivilgesellschaft seitens des Erinnerungszentrums ist also groß. Begeistert berichtet Salwa, wie sie bei Genossinnen der kurdischen Frauenbewegung untergekommen ist und an einer Frauendemonstration auf dem Taksim teilgenommen habe. Ich lade sie daraufhin ein, an einer der kommenden Kurdistan-Delegationen teilzunehmen.
Zum Schluss unseres sehr interessanten Gesprächs kommt die Genossin auch noch auf den, sich seit fast 50 Tagen im Hungerstreik befindenden, PFLP-Aktivisten, Bilal Kayed, zu sprechen. Allein seine Geschichte wäre ein eigener Artikel wert. Am 14. Juni sollte der Kommunist nach 14 Jahren Haft entlassen werden. Doch Pustekuchen. Die israelischen Behörden verhängten am Tag seiner geplanten Entlassung eine außergesetzliche Administrativhaft von 6 Monaten, die alle halbe Jahre einfach wieder verlängert werden kann. Hunderte von PalästinenserInnen sitzen so schon seit Jahren ohne rechtskräftige Verurteilung in israelischen Gefängnissen ein. Ahmed Saadat, Generalsekretär der PFLP, der eine 30-jährige Haftstrafe in Israel verbüßt, sowie mehr als 100 weitere politische Gefangene traten daraufhin Ende letzter Woche in einen Solidaritätshungerstreik ein. Hoffentlich wird der Druck auf die israelische Regierung groß genug, damit wenigstens Kayed entlassen wird.

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Auch Abspülen gehört bei diesem DIY-Festival dazu

Zurück zur Freiwilligenarbeit auf dem nur schwer zu erkennenden Friedhof am darauffolgenden Tag. Auf dem Weg dorthin bemerke ich eine große Narbe am Bein eines vielleicht 16-jährigen Genossen. Auf meine Frage, was denn passiert sei, meinte er nur, dass er vor zwei Monaten bei Protesten einen Durchschuss durch einen israelischen Soldaten erlitten habe. Daraufhin zeigen mir immer mehr Jugendliche aus der Gruppe ihre Narben. Einer von ihnen wurde bereits drei Mal getroffen: Im Bein, ein Durchschuss im Hüftbereich und ein, mit Gummi ummanteltes, Geschoss auf den Hinterkopf, das zum Glück nicht in den Kopf eingedrungen ist. Ein Genosse erzählt, dass er erst vor einigen Wochen aus zweimonatiger Haft entlassen worden ist. Die Narben und Geschichten sprechen Bände über die Lebensrealität der Menschen hier. Übrigens: Die Strafbestände und -maße, die dem Militärrecht unterstehen, sind drastisch. Steine werfen ohne das Ziel zu treffen: 6 Monate Haft. Mit treffen: 1 Jahr. Molotow-Cocktails werfen bringt 6 Jahre Haft. Wenn man dabei noch Aktivist einer politischen Partei ist, wird die Entlassung oftmals durch die oben erwähnte Administrativhaft willkürlich verzögert.

Nach Unkraut jäten und Friedhof verschönern findet eine äußerst interessante Veranstaltung im Gemeindesaal von Farkha statt. Gekommen sind der Umweltingenieur Saad Dagher und die Aktivistin Lina Ismail. Die Themen sind ökologische Landwirtschaft und Ökonomien des Widerstands, sogenannte „Resistance Economies“. Im ersten Teil geht es darum, wie ökologischer und bewusster landwirtschaftlicher Anbau zur Freiheit der Menschen in Palästina beitragen und die Abhängigkeit von der Besatzung reduzieren kann. Saad bringt ein Beispiel:2016-08-02 16.11.27 Nur 4% aller Karotten kämen aus Palästina, der Rest werde aus Israel importiert. Während 1963 noch 32% aller konsumierten Güter aus dem Land stammten, sind dies heute gerade einmal 4,2%. Israel versucht, neben der Ressource Wasser, auch den Saatgutmarkt in Palästina komplett zu kontrollieren und von großen Konzernen, wie Monsanto, abhängig zu machen. Dem müsse „Ecological Gardening“ entgegengesetzt werden, so der Referent, der auch Genosse ist und in den 80er Jahren in Moskau studierte. Dabei könne man von weitestgehend vergessenem Wissen über landwirtschaftlichen Anbau in der Region profitieren, das bei einige alten Menschen noch vorhanden sei und verloren zu gehen droht. Eine weitere Hilfe ist Kuba. Dort musste aufgrund des Zusammenbruchs des Handels mit der Sowjetunion nach 1991, eben solches verschüttetes Wissen der Menschen wiederbelebt werden. Nun wird es erfolgreich praktiziert. Frei von Pestiziden, manipuliertem Saatgut und anderweitigen Chemikalien werden große Teile des landwirtschaftlichen Anbaus betrieben. Saad ist soeben von einer diesbezüglichen Fortbildung von Kuba zurückgekehrt und versucht nun sein gesammeltes Wissen auf die palästinensischen Verhältnisse anzuwenden. Der ökologische Anbau habe vier zentrale Komponenten:

  1. Der Mensch und seine Arbeitskraft, als zentraler Faktor.
  2. Wissen über (frühere) landwirtschaftliche Anbaumethoden. Dieses sei unter Bauern fast nicht mehr vorhanden und würde sich stattdessen bei Großkonzernen kumulieren. Mit chemischen Düngemitteln und gentechnisch verändertem Saatgut müssen Bauern oftmals gar nichts mehr über die natürlichen Wachstumsprozesse wissen, da die Pflanzen sowieso „gedeihen“. Diese Wissensvorherrschaft gelte es Konzernen wie Monsanto zu entreißen und ein eigenes Wissen, mit eigener (universitärer) Forschung und gesellschaftlicher Wissensbestände von unten erneut aufzubauen. Kuba ist dabei, ursprünglich notgedrungen, besonders fortgeschritten. Es hat eine eigene Samenproduktion, Biogasanlagen sind weit verbreitet und vielerorts wird Permakultur betrieben.
  3. Stroh, als konkreter Wasserspeicher beim Anbau und somit schon Teil des aus Kuba mitgebrachten Wissensbestandes. Gestern hatten wir im Öko-Garten bereits die zu bebauenden Flächen circa 30 Zentimeter ausgehoben, mit Stroh ausgelegt und wieder zugeschüttet. Dadurch kann der Wasserverbrauch bis zu 60% reduziert werden, da es beim Gießen nicht gleich versickert, sondern im Stroh gespeichert wird. Das ist besonders für die Westbank relevant. Die Wasserressourcen werden von Israel kontrolliert, 83% des Gesamtverbrauchs erfolgt durch die Siedlungen oder Weiterleitungen nach Israel. Nur 17% des vorhandenen Wassers wird von den Palästinensern genutzt.
  4. Wasser (siehe Punkt 3).
  5. Sonne, als Katalysator und Energiegeber. Ohne sie wachsen keine Pflanzen. Zum Glück gibt es viel Sonne hier, vor allem in Farkha, wo wir bei derzeit 38 Grad Hitze arbeiten…

Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit sogenannten „Resistance Economies“, also antikapitalistische Formen des Wirtschaftens. Lina betonte, dass es darauf ankäme lokale und kommunale Ökonomien, in Form von Kooperativen und anderen solidarischen Zusammenschlüssen, aufzubauen und zu unterstützen. Es gelte eine „Wirtschaft von unten“, gegen Großkonzerne und Monopole aufzubauen. Dabei könne man auf das im gesellschaftlichen Bewusstsein vorhandene und früher viel stärker gelebte solidarische Teilen und sich gegenseitig Unterstützen setzen. Um deutlich zu machen, um was es dabei in Palästina geht, zeigte sie den kurzen Dokumentarfilm „Resistance Recipes“, der vor allem landwirtschaftliche und Frauengenossenschaften in der Westbank beleuchtet. Ihr könnt den Film hier auf Vimeo mit englischen Untertiteln anschauen, er ist wirklich äußerst sehenswert: https://vimeo.com/56420859
Beeindruckt haben mich hier wieder sehr die Überschneidungen der Debatten um alternative Ökonomien in der kurdischen und palästinensischen Freiheitsbewegung. Auch in Kurdistan gibt es viele Kooperativen und Genossenschaften, die zur Befreiung der Frau beitragen sollen, aber auch verloren gegangenes gesellschaftliches Wissen über Landwirtschaft wiederzubeleben.

Jetzt steht gleich ein Konzert an, es ist so laut, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Deshalb ist hier für heute schluss. Morgen geht es zu Beduinen ins Jordan-Tal, einen Bericht darüber wird es aber erst am Donnerstag geben.

PS: Aktuelle Fotos, Videos und Informationen zum Ablauf des Festivals findet ihr übrigens auch auf meiner Facebookseite: Kerem Schamberger