Am 4. Tag des Farkha-Festivals wurde ausnahmsweise nicht gearbeitet. Auf dem Programm stand nämlich ein Ausflug in das Jordan-Tal, dass sich im Osten an der Grenze zu Jordanien erstreckt und 30% der Gesamtfläche der Westbank einnimmt. Es ist die Kornkammer der Region und eines der landwirtschaftlichen Zentren Israels. Israels? Ja, denn 95% des Tals befinden sich in Area C. Diese Bereiche stehen militärisch sowie zivil unter der Kontrolle der israelischen Besatzung*. Ein großer Teil des israelischen Gemüse-, Getreide und Fruchtanbaus, wie Weizen, Trauben und sogar Mangos findet dort statt. Auch werden viele Produkte des Jordan-Tals unter israelischem Lable ins Ausland exportiert. Im Jahr 2010 machte Israel alleine im Jordan-Tal angeblich einen Umsatz von 125 Milliarden Dollar.

Auf dem Weg dorthin kommen wir an dem kleinen arabischen Dorf Duma vorbei. Dort wurde Ende Juli vergangenen Jahres eine ganze Familie im Schlaf verbrannt. Rechtsextreme jüdische Siedler aus einer benachbarten Siedlung hatten das Haus in ihrem Hass gegen alles Palästinensische angezündet. Ab und zu werden bei tödlicher Siedlergewalt zwar Haftstrafen von israelischen Gerichte verhängt. Nachdem sich die mediale Aufmerksamkeit aber gelegt hat, werden die Täter oft mit irgendwelchen fadenscheinigen Begründungen, wie psychologischer Probleme, frühzeitig entlassen. Nähere Infos zum (juristischen) Umgang mit dem Anschlag in Duma finden sich hier.

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Im Gespräch mit dem Beduinen Zoubaa

Die Fahrt ins Tal ist sehr beeindruckend, da sich, vom Westen kommend, vor einem auf einmal eine unendlich weite, vor Hitze flimmernde, Ebene erstreckt. Insgesamt mussten wir zwei israelische Checkpoints passieren, diese führten aber gerade keine Einzelkontrollen durch, sodass dies relativ schnell ging. Das Jordan-Tal ist eine sehr wasser- und mineralhaltige Region und ist deshalb sehr gut für den landwirtschaftlichen Anbau geeignet. Wie schon oben erwähnt, wird dieser aber zu einem Großteil von Israel und seinen Siedlungen kontrolliert. Der Landstrich soll nach und nach entvölkert werden und nur noch wirtschaftlich genutzt werden. Palästinenser erhalten deshalb so gut wie keine Baugenehmigungen. Viele Häuser dürfen rechtlich keine befestigten Dachkonstruktionen mehr vorweisen, sodass wir an vielen Wellblechdächern vorbeifahren, die bei einem Sturm sofort weggeblasen werden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und auch die Gesundheitsversorgung sehr schlecht. Seit der Besatzung hat durch diese Politik der schleichenden Vertreibung die Einwohnerzahl des Tals drastisch abgenommen. Lebten 1967 noch 350.000 Menschen dort, waren es 2009 nur noch 53.000. Dies berichtet ein Aktivist der „Jordan Valley Solidarity“, die vor allem den dort lebenden Beduinen hilft. Und einen solchen treffen wir nach einer zweistündigen Fahrt. Freundlich empfängt uns der Ende 60-jährige Beduine Zoubaa und seine Familie mit Kaffee und Tee. Keine Selbstverständlichkeit bei 150 Gästen. Seine Familie lebt seit Ewigkeiten auf dem Weideland der Tiere. Doch in den letzten Jahren nimmt der Druck seitens Israels auf sie massiv zu. Sein provisorisches Gehöft befindet sich Mitten in einem Dreieck aus Checkpoint, Siedlung und Militärstützpunkt und ist deshalb ein besonderer Dorn im Auge der Besatzer. Mehr als 20 Zelthäuser wurden alleine diesem Beduinen vom Militär mit Bulldozern abgerissen. Immer wieder schieße das Militär auf seine Tiere. Er und seine acht Kinder saßen jeweils mehr als 4 Jahre in Haft, auch weil sie dabei geholfen hatten Menschen um die Checkpoints herum zu schmuggeln und somit eine Durchreise durchs Jordan-Tal zu ermöglichen. Denn viele Orte dort dürfen Palästinenser nicht betreten, obwohl sie in der Westbank liegen. Auch seine Söhne dürfen seit der Verbüßung ihrer Haftstrafen nicht mehr im Tal sein. Als er uns dies berichtet, stockt auf einmal seine Stimme und der ältere Mann bricht in Tränen aus. Ein wirklich bedrückender Moment. Schluchzend sagt er, dass er sein Land niemals verlassen werde und sie ihn schon töten müssten, um ihn hier wegzubekommen.

Keine fünf Minuten später kommt ein israelischer Militärjeep angerast und drei Soldaten mit gezückten Waffen springen heraus. Was wir hier wollten und wer wir seien, wollen sie wissen. Es ist offensichtlich, dass sie nur zum Provozieren gekommen sind und eine Auseinandersetzung anzetteln wollen. Um die nächste Kurve warten nämlich schon drei andere Militärfahrzeuge, jederzeit bereit einzugreifen, falls wir aufmucken sollten. Ob wir gekommen wären, um gegen die gestrige Sperrung der Wasserzufuhr für das Gehöft zu protestieren, fragen sie. Davon wissen wir noch gar nichts, aber es scheint ebenfalls ein regelmäßiges Druckmittel zu sein, den Beduinen das Wasser für ihre Tiere immer wieder einfach abzudrehen. Doch wir lassen uns nicht provozieren und stimmen stattdessen Widerstandslieder an, die unsere Entschlossenheit und Diszipliniertheit den Soldaten deutlich macht. Unverrichteter Dinge rücken sie nach einer Viertelstunde ab.

Auch wir ziehen weiter, verlassen das Jordan-Tal wieder und fahren in die Stadt Nablus, das wunderschön zwischen zwei Bergen liegt. Dort besuchen wir das Parteibüro der PPP und machen eine Spontandemonstration für politische Häftlinge in israelischen Gefängnissen mitten durch die Innenstadt. Anschließend bekommen wir vom örtlichen Vorsitzenden der PPP eine Führung durch die Altstadt, die 2002, während der zweiten Intifada, Ort heftigster militärischer Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten war. An die getöteten Palästinenser erinnern an jeder Ecke Tafeln und Denkmäler. Anschließend geht es, im vollen Kontrast zum Vormittag, in ein Schwimmbad mit angeschlossenen Grünflächen. Dort ruhen wir uns bis zum Abend aus.

Kommunistische Sponti durch Nablus.

Kommunistische Sponti durch Nablus.

Am 5. Tag des Festivals stand in der Früh wieder Freiwilligenarbeit an. Am Nachmittag fand ein interessanter Workshop mit JLAC (Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center) statt, das ich bereits im letzten Tagebucheintrag etwas beschrieben habe. Der Direktor der Organisation, Essam Arrori, stellte nun die Arbeit und die allgemeine Situation etwas genauer dar. Das grundlegende Problem sei, dass Israel selbst nicht akzeptiere, dass es eine Besatzungsmacht sei. Somit stellen Palästinenser nur ein demographisches Problem dar und keine Menschen mit individuellen Rechten, die auch unter einer Besatzung gültig sein müssen. Die Aufteilung der Westbank in A, B und C-Bereiche sei nichts weiter als die fortgesetzte Ausweitung der Besatzung. 60% der Westbank sind von Israel als Area C deklariert, in der es das militärische und zivile Sagen habe. Darin existiere ein paralleles, nur für die Palästinenser gültiges Rechtssystem, das sich stark von der bügerlichen Rechtssprechung Israels unterscheide. So wurde erst diese Woche in der Knesset eine Gesetzesänderung verabschiedet, die das strafmündige Alter von palästinensischen Kindern von 14 auf 12 Jahre herabsetzt. Das heißt, dass diese nun bei Anklagen wegen Mord, versuchtem Mord oder Totschlag ab 12 Jahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden können.

Die Zerstörung von Häusern und anderen lebenswichtigen Strukturen gehe ebenfalls massiv weiter. Von 2009-2015 wurden mehr als 2000 Infrastrukturen wie Häuser oder Zelte zerstört. In den ersten beiden Monaten 2016 waren es mehr als 241 Unterkünfte mit mehr als 450 vertriebenen Menschen. Die Tendenz der Zerstörung zeigt mit der extrem rechten Regierungskoalition in der Knesset, die von Siedlervertretern dominiert ist, steil nach oben. Die internationale Gemeinschaft bleibe trotz dieser Entwicklungen stumm, so Essam. Eine Strategie von JLAC sei es für die Familien, durch juristische Verzögerungen, Zeit zu gewinnen. Teilweise könnten Häuserdemolierungen so bis zu 6 Jahre verschoben werden. Komplett aufgehalten werden konnten bisher nur sehr wenige. Der Direktor der NGO, die eine aktive Unterstützerin der BDS-Kampagne ist, hob hervor, dass alleine die Anwesenheit von Palästinensern in der Area C der Westbank ein Akt des Widerstands gegen die Besatzung ist: „Our physical existance in itself is resistance“.

2016-08-03 14.02.41

In der Altstadt von Nablus

Einen interessanten Punkt erwähnte der Genosse am Schluss seines Vortrags. In Israel würden mehr als 30.000 Palästinenser legal mit Genehmigung arbeiten. Als illegale Arbeitskräfte würden sich allerdings mehr als 70.000 Palästinenser in israelischen Gebieten aufhalten. Diese müssten dafür täglich oder wöchentlich die Apartheidsmauer durch Schlupflöcher überwinden. Die israelische Armee wisse dabei genau, wo diese sind. Sie tue aber nichts dagegen, da Israel auf die extrem billigen Arbeitskräfte aus der Westbank angewiesen sei. Diese Palästinenser würden die Arbeiten übernehmen, die sonst niemand machen wolle.

In der anschließenden Diskussionsrunde ging Essam auf die Frage ein, was wir als internationale Solidaritätsbewegung machen könnten, um die Palästinenser zu unterstützen. Für ihn sei die beste Form der Solidarität in den Ländern und Gesellschaften aus denen wir kommen, den Kampf für eine gerechte und solidarische Welt zu führen und dabei die Solidarität mit Palästina als ein Teil davon in den eigenen Kampf miteinzubeziehen. Der internationale Druck auf Israel werde erst dann zunehmen, wenn sich innerhalb anderer Länder die Kräfteverhältnisse hin zu den fortschrittlichen sozialen Bewegungen verändere. „Der Kampf gegen Rechtsentwicklung und Faschismus auf der Welt und vor allem in Europa, wird auch der palästinensischen Sache helfen, da wir diese Entwicklung derzeit auch in Israel erleben“. Ein wichtiges und richtiges Abschlusswort nach diesem interessanten Workshop.

Während ich diese Zeilen am Freitag Vormittag schreibe, herrscht um mich herum, wie so oft, reges Treiben. Heute ist der vorletzte Tag des Festivals, am morgigen Samstag findet das große Abschlussfest statt, auf das bis zu 1000 Menschen kommen und die Schule, in der das Festival stattfindet, wird gerade auf Hochglanz gebracht. Ich werde den Abschluss zum ersten Mal nicht miterleben, da ich aus persönlichen Gründen schon heute Nacht abreisen muss. Deshalb ist es auch unsicher, ob nach diesem Tagebucheintrag noch ein weiterer folgen wird. Dies hängt von den kommenden Erlebnissen ab. Falls nichts mehr von meiner Seite kommt, noch zwei Dinge. Erstens möchte ich mich bei allen GenossInnen und FreundInnen in Deutschland bedanken, die mehr als 4000 Euro für dieses Festival gespendet haben. Ohne diese Spenden hätte es definitiv nicht stattfinden können. Zweitens: Wenn jemand Interesse hat im nächsten Jahr mitzukommen, dann meldet euch frühzeitig bei mir, damit wir alles planen können.

So, die GenossInnen warten schon ungeduldig und fragen sich, wieso ich nicht beim Arbeiten helfe. Deshalb verabschiede ich mich an dieser Stelle.

Viva Palästina – Solidarität mit den fortschrittlichen Kräften in Palästina und der israelischen Friedensbewegung!

Anmerkung:
* Area A befindet sich militärisch und zivil unter Kontrolle der Palästinenischen Autorität, Area B ist militärisch unter israelischer und zivil unter palästinensischer Kontrolle.