Wieder Facebook-Zensur wegen bereits gelöschtem Beitrag

Die Facebook-Zensur geht weiter. Diesmal am Weihnachtstag, dem 24.12.16, und diesmal noch verrückter als bisher. Ich bin erneut für 30 Tage gesperrt worden, für einen 2,5 Jahre alten Post, der bereits vor sechs Wochen von Facebook gelöscht worden war und an dem eine Bundestagsabgeordnete und eine führendes Mitglied der griechischen Regierungspartei Syriza beteiligt waren. Aber lest selber:

Am „Heiligabend“, dem 24. Dezember 2016 um 12:53 Uhr (siehe Screenshot) erhalte ich von Facebook folgende Nachricht: „Wir haben etwas entfernt, das du gepostet hast“.

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Komisch, denke ich mir, das Bild kenne ich doch.
In der Tat. Denn es wurde schon bereits vor knapp sechs Wochen von Facebook gelöscht, während meiner letzten 30-Tage-Sperrung, die bereits nach drei Wochen aus mir unbekannten Gründen vorzeitig aufgehoben wurde. Das Bild zeigt eine Veranstaltung der European Left in München vom Mai 2014. Dort hatten das Syriza-ZK-Mitglied Giorgos Chondros, zusammen mit der Bundestagsabgeordneten der Linken, Nicole Gohlke, kurdischen AktivistInnen und den beiden Sprechern der DKP München, ihre Solidarität mit dem inhaftierten Abdullah Öcalan gezeigt. Öcalan ist in der Türkei und Kurdistan ein Garant für eine friedliche Entwicklung und einen nachhaltigen Friedensprozess. Seine theoretischen (Gefängnis-)Werke inspirieren Millionen von Menschen im Nahen Osten. Mit diesem Akt der Solidarität wollten wir deutlich machen, dass auch wir an der Seite der unterdrückten Kurden, Demokraten und Linken in der Türkei stehen, die (damaligen) Friedensverhandlungen unterstützen und für eine unverzügliche Freilassung des Politikers eintreten. Unsere Solidarisierung mit ihm, war eine Solidarisierung mit dem Frieden in der Türkei.

Den entsprechenden Post hatte ich Anfang Mai 2014, also vor mehr als 2,5 Jahren getätigt. Vor ca. sechs Wochen wurde er gelöscht. Jetzt erhalte ich also wieder eine Nachricht, dass er entfernt wurde, obwohl er ja gar nicht mehr auf Facebook zu finden ist. Die damalige Löschung des Posts vor sechs Wochen hatte ich schon in einem Blogeintrag vom 22.11.16 dokumentiert. Damals wurde mein Facebook-Profil während meiner Sperrung komplett durchgescannt und diverse alte Posts einfach so gelöscht.

Hier findet ihr die Benachrichtigung vom 24.12.16 noch einmal in groß, damit ihr erkennen könnt, dass es sich um den gleichen, eigentlich gar nicht mehr existenten Post handelt:

fb-2Ich klicke auf „Weiter“ und erhalte als nächstes folgende Information:

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Also wieder für 30 Tage gesperrt, wegen eines Posts, den es seit sechs Wochen gar nicht mehr auf Facebook gibt. Das ist wirklich eine neue, noch verrücktere Stufe der Zensur von Facebook.
Irgendjemand bei Facebook oder der Bertelsmann-Tochter Arvato, die im Auftrag des Social-Media-Giganten das Netzwerk „sauber“ hält, scheint mich auf dem Kieker zu haben. Oder ist das schon eine Verschwörungstheorie?

Das Süddeutsche Magazin hat erst vor einer Woche eine großartige Recherche zu den Lösch-Praktiken des Konzerns bzw. Arvatos veröffentlicht. Hier findet ihr den kostenlos zugänglichen zusammenfassenden Artikel dazu. Hier den kostenpflichtigen kompletten Artikel. Und hier erfreulicherweise kostenlos den kompletten Text des Artikels.
In einem Facebook-Post vom 16.12.16 schrieb ich zu den SZ-Recherchen:

Dem Süddeutschen Magazin ist ein großer journalistischer Coup gelungen! – Das wird die Unternehmens-PR von Facebook Deutschland in Aufruhr versetzen. #InsideFacebook

In der heutigen Freitags-Ausgabe schreibt das SZ Magazin ausführlich zu den Arbeits- und Löschpraktiken von Facebook, die sie an die Bertelsmann-Tochter Arvato ausgelagert haben. Den Journalisten wurden die geheimen Lösch-Vorgaben zugespielt, über die sie ausführlich schreiben.

Unter anderem kommt in dem Artikel heraus, dass:
– Türkei kritische Inhalte von türkischen Mitarbeitern zensiert werden
– Inhalte auch gelöscht werden, wenn sie viele andere Nutzer von der FB-(Werbe)plattform vertreiben könnten. Die Türkei liegt weltweit auf Platz 7 der meisten Facebook-Nutzer, Deutschland nur auf Platz 10. Klar, in welche Richtung sich die Zensur dann entscheidet
– Hetze gegen Migranten von Facebook erst als „löschungswürdig“ angesehen wurde, „als Deutschland damit drohte den Betrieb von Facebook in Deutschland zu stoppen“, sollte diese Praxis nicht geändert werden
– sich Facebook trotzdem weiterhin über den Gesetzgeber erhebt und festlegt, was zu löschen und was nicht zu löschen ist
– die Angestellten von Arvato vor allem Menschen mit Migrationshintergrund sind, sogar viele syrische Geflüchtete befinden sich darunter, die zu einem Hungerlohn von 1500€ brutto im Monat beschäftigt werden und dazu unter einem extrem hohen Arbeitsdruck stehen
– weltweit ca. 100.000 Menschen bei Sozialen Medien wie Facebook arbeiten, um Inhalte zu kontrollieren und ggf. zu löschen. Wieviele es bei Facebook genau sind, ist unklar. In Berlin bei Arvato sind ca. 600 Menschen angestellt, Tendenz steigend
– etliche dieser Löscharbeiter traumatisiert sind, aufgrund der Inhalte, die sie täglich zu sehen bekommen (Gewalt, Folter, Missbrauch etc.)
Besorgt euch diesen Artikel, kauft ihn auf der Website der SZ und teilt ihn so oft wie möglich.

Irgendwie ironisch, dass ich diesen Post ausgerechnet auf Facebook teile.

Es ist schon ärgerlich, dass ich nun wieder gesperrt bin. Ausgerechnet in einer Woche, in der auf Facebook fast täglich Droh-Emails von türkischen Nationalisten und AKP-Trolls eingegangen sind, in denen steht, dass sie dafür sorgen werden, dass ich auf Facebook keine Nachrichten mehr zur Situation in der Türkei posten kann. Sie haben für 30 Tage ihr Ziel wieder erreicht. Mit Hilfe von Facebook/Arvato.  Interessant besonders wenn man bedenkt, dass bei Arvato mit Sitz in Berlin Türkei kritische Inhalte explizit von türkischen Mitarbeitern zensiert werden. Wer kontrolliert eigentlich, dass keine der ungefähr 6000 Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT in Deutschland bei Arvato arbeiten und an der Löschung beteiligt sind?

Nach den Weihnachtsfeiertagen werdet ihr also für die Zeit der Facebook-Sperrung unregelmäßige Türkei-Updates finden, auch wenn diese in ihrer Reichweite viel geringer sind als Facebook-Posts. Wenn alles klappt, findet ihr auch auf der Facebook-Seite Kerem Schamberger, tägliche Updates.
Ob es Sinn macht sich bei Facebook zu melden und zu beschweren, ist stark zu bezweifeln, bedenkt man die bisher gemachten Erfahrungen zu Facebooks Non-Kommunikation.

Dies ist nun bereits die vierte Facebook-Sperrung in diesem Jahr. Zuletzt wurde mein Profil am 16.11.16 für 30 Tage gesperrt, wegen der Übersetzung einer aktuellen Rede des PKK-Kommandanten Murat Karayilan. Diese Sperrung wurde ohne Angabe von Gründen und ohne mich zu informieren nach mehr als drei Wochen wieder aufgehoben.

Wir werden trotzdem immer weiter machen und über die Realität in der türkischen Diktatur schreiben.