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Noch zwei Tage bis zum 21. März – dem Höhepunkt des Neujahrsfestes Newroz. In allen Teilen Kurdistans gehen schon in den Tagen zuvor Menschen auf die Straße. Sie feiern und protestieren. Denn das Neujahr ist nur bedingt mit dem in Europa bekannten Silvesterfest zu vergleichen. Klar, es wird viel getanzt und gesungen, aber gleichzeitig hat Newroz immer auch eine starke politische Komponente. Es ist das Fest des Aufbegehrens gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Dies ist schon in seiner Mythologie verankert. Der Sage nach stürzte ein Schmied namens Kawa den grausamen, menschenfressenden Herrscher Dehok. Als Zeichen seines Sieges gegen die Ungerechtigkeit zündete er auf den Bergen Mesopotamiens ein großes Feuer an.
Im Zeichen des Widerstandes wird auch das Newroz-Fest in Machmur gefeiert, zu dem wir uns mit dem Rojnews-Jeep am 19. März auf den Weg machen. Die Stadt liegt 140 km westlich von Süleymaniye und befindet sich knapp 15km von der Front zum IS entfernt. In der Nacht sind die Luftangriffe der internationalen Koalition auf die Stellungen von Daesh, wie der IS im Nahen Osten herablassend genannt wird, zu hören.
Die etwa dreistündige Fahrt macht die verworrene Lage der Region in all ihrer Komplexität deutlich. Die erste Hälfte fahren wir durch Gebiet, das von Peshmerga der Patriotic Union of Kurdistan (PUK) kontrolliert wird. Wir passieren ein früheres Foltergefängnis Saddam Husseins, das jetzt als Kaserne genutzt wird. Auch die auf dem Weg liegende Stadt Kirkuk, bis zu deren Grenzen der IS im Jahr 2014 vordrang, wird größtenteils von der PUK kontrolliert. Allerdings sind dort seit zweieinhalb Jahren auch Guerilla-Einheiten der PKK stationiert. Sie halten dort wichtige Stellungen. Im Oktober 2016 attackierte der IS in einem Überraschungsangriff die Stadt. Einheiten der PKK und PUK konnten ihn gemeinsam nach stundenlangen Gefechten und dutzenden Toten vertreiben. Es sollte der bisher letzte große Offensivangriff des IS in dem Gebiet sein, seitdem befindet er sich auf dem Rückzug. Kurz nachdem wir die Stadt im Süden umfahren haben, passieren wir ein Tor, auf dem „Altin Köprü“ geschrieben steht. Diese türkische Bezeichnung bedeutet „Goldene Brücke“ und ist ein Überbleibsel des Osmanischen Reichs, das bis zum Ende des ersten Weltkrieges in dieser Gegend herrschte. In diesem Gebiet leben vor allem Turkmenen.

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2014 hatte der IS diese Öl-Förderanlagen kurzfristig eingenommen.

Es ist keiner der beiden großen Parteien PUK und KDP (Kurdistan Democratic Party) zugeordnet und dient als eine Art Pufferzone zwischen den beiden langjährigen Rivalen. Die allgegenwärtigen Checkpoints sind hier von bewaffneten turkmenischen Einheiten besetzt. Die Türkei versucht die in der Region lebenden Turkmenen immer wieder mehr oder weniger erfolgreich für ihre Interessen zu benutzen. Erst in diesen Tagen fordern sie zum Beispiel aufs Heftigste den Abzug der PKK aus Mosul und dem Shengal-Gebirge. Die dahinterstehenden türkischen Interessen sind offensichtlich. Einige wenige Kilometer später überqueren wir eine weitere unsichtbare Grenze und befinden uns nun in KDP kontrolliertem Gebiet. Sofort springen einem in die Höhe züngelnde Flammen und Rauchfladen ins Auge. Das Gebiet ist eines der Öl reichsten in der Region. Überall sind breite Leitungen verlegt, die das schwarze Gold zur Aufbereitung die Türkei transportieren. Entsprechende Förderanlagen sind von schwerbewaffneten KDP-Peshmergas bewacht. Im Jahr 2014 schaffte es der IS bis zu den Ölquellen vorzudringen und diese für einen Tag unter seine Kontrolle zu bringen.

Ankunft in Machmur

Keine 30 Minuten später erreichen wir Machmur. Die Stadt ist zweigeteilt. Das ursprüngliche städtische Gebiet steht unter Kontrolle der KDP. Etwas abseits, an einem Berghang gelegen befindet sich das Camp Machmur. Ursprünglich war es ein Flüchtlingslager nordkurdischer Familien, die in den 90er Jahren vor der Gewalt der türkischen Armee und der Zerstörung ihrer Dörfer flohen und sich organisiert in dem Gebiet niederließen. Etwa 15.000 Menschen leben heute dort. Der Eingang wird von bewaffneten Guerillas kontrolliert. 

Guerilleras kontrollieren den Zugang zum Festplatz

Guerilleras kontrollieren den Zugang zum Festplatz.

Mittlerweile ist es das frühere Refugee-Camp eine durchorganisierte eigene Kleinstadt. Schon bei der Ankunft wird deutlich: die Ideen der PKK sind hier hegemonial. Jeder dort lebende Mensch unterstützt die fortschrittliche kurdische Freiheitsbewegung. Überall hängen verschiedenste Fahnen, Plakate und Portäits Abdullah Öcalans. Gemäß seiner theoretischen Vorstellungen wird das gesellschaftliche Zusammenleben in der Stadt in Form einer Rätedemokratie organisiert. In gewissem Sinne stellt Machmur so auch ein Vorbild für die Revolution in Rojava/Nordsyrien dar. Dort werden die über Jahre gemachten Erfahrungen nun im großen Stil ausprobiert und umgesetzt. Die Kollegen vom Lower Class Magazine haben bereits letztes Jahr in der Tageszeitung Junge Welt ausführlich über die bemerkenswerte politische Organisierung der Siedlung berichtet: „Das höchste Gremium des Systems aus Räten und Komitees hat wie alle anderen eine geschlechterquotierte Doppelspitze. Es umfasst derzeit 91 Mitglieder, die zum Teil aus den Stadtteil- und Bezirksräten kommen, zum anderen Teil aus sogenannten Komitees, die zu spezifischen Themenbereichen arbeiten. Letztere decken alle Lebensbereiche der Stadtbewohner ab: Das Ideologiekomitee befasst sich mit Bildung, Presse, Kunst und Kultur; im Sozialkomitee sind die Arbeiter, Ladenbesitzer und Hirten organisiert. Es gibt ein Unterkomitee zur Streitschlichtung und Lösung alltäglicher Interessenkonflikte, das Ökonomiekomitee befasst sich mit der Wirtschaft des einstigen Lagers, das Sicherheitskomitee mit seiner Verteidigung und das Frauenkomitee mit den Belangen der Bewohnerinnen Machmurs.“
Da mein Interessens- und Forschungsschwerpunkt auf dem Mediensystem und kurdischem Journalismus liegt, gehe ich hier nicht weiter auf die politischen Strukturen ein.

Pressearbeit in Machmur

In der Stadt gibt es ein eigenes Pressezentrum. Dort arbeiten acht der PKK nahestehende Journalisten.

Pressezentrum in Machmur

Pressezentrum in Machmur.

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Eine Journalistin bei der Arbeit.

Einmal pro Woche wird von ihnen eine acht Seiten starke Zeitung namens Rojev herausgebracht, die über die Geschehnisse vor Ort, aber auch international berichtet. Sie ist unterteilt in die Rubriken Nachrichten, Kommentare, Kultur & Literatur, Frauen, Jugend und Gesellschaft & Leben. Neben der Information dient die Zeitung auch der Ausbildung. Jugendliche in Machmur, die Interesse an Journalismus haben, werden in die Erarbeitung von Rojev miteinbezogen und so nach und nach ausgebildet. Das ersetzt zwar kein eigenes Studium, aber ermöglicht einen ersten Einstieg. Der Zeitungsdruck erfolgt in Erbil, da es in Machmur keine eigene Druckerpresse gibt. 2013 hatte die Zeitung 800 Abonnenten. Aktuellere Zahlen konnte ich leider nicht erfahren. Heute findet in der Kleinstadt das Newroz-Fest auf dem zentralen Dorfplatz statt. Die Pressearbeit dazu wird zentral im bereits genannten Zentrum organisiert.  Neben dem Rojnews-Team befinden sich noch Journalisten der kurdischen Nachrichtenagentur ANF vor Ort. Andere Medien der PUK oder der KDP sind nicht da, sie boykottieren die Berichterstattung über eine Veranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern. Allerdings wären KDP nahe Medien vor Ort auch nicht besonders gerne gesehen. Aufgrund der starken parteipolitischen Ausrichtung kurdischer Presseorgane, bietet jeder Sender, jede Zeitung eine eigene Interpretation der Welt an. Kazim, ein Mitarbeiter des Regionalstudios von Sterk TV in Süleymaniye drückt es wie folgt aus: „Es gibt hier keinen unabhängigen Journalismus, im Informationszeitalter des 21.

Eine ältere Ausgabe der Wochenzeitung von Machmur namens Rojev.

Eine ältere Ausgabe der Wochenzeitung von Machmur namens Rojev.

Jahrhundert befinden wir uns in einem ideologischen Propagandakrieg. Jeder benutzt seine eigenen Medien, um die Menschen in seinem Interesse zu informieren und zu bewegen.“ Die in Europa so hochgehaltenen Werte eines „unparteiischen“ Journalismus, scheinen in der konkreten Medienarbeit in Kurdistan keine große Rolle zu spielen. Wichtig ist Kazim jedoch, dass der politische Standpunkt in der Berichterstattung offen deutlich gemacht und nicht unter dem Vorwand der „Unabhängigkeit“ vernebelt wird.
Aber zurück nach Machmur. Nasyar, der Techniker von Rojnews, organisiert die Live-Übertragung an die in Europa stationierten Fernsehsender Sterk TV, Newroz TV und dessen Nachfolger, das derzeit parallel sendende Freedom TV. Letzteres wird seinen Hauptsitz als einer der ersten Sender der kurdischen Freiheitsbewegung in Süleymaniye haben und befindet sich derzeit im Aufbau.

Internetprobleme beim Mittagessen beheben. Läuft!

Internetprobleme beim Mittagessen beheben. Läuft!

Da das Gebiet um Machmur sehr abseits gelegen ist, hat Nasyar zu Beginn Probleme eine schnelle Internetverbindung und damit Übertragungsmöglichkeit nach Europa aufzubauen. Aber da hier alle getreu dem Motto „Nichts ist unmöglich“ arbeiten, gelingt es mit vereinten Kräften und unzähligen Telefonaten am Schluss doch noch. Rojnews selbst hat einen eigenen Korrespondenten in Machmur: Mehdi Kara. Seine Familie lebt in Machmur. 2015 hat er seinen Abschluss in Journalismus an einer Universität in Erbil gemacht und arbeitet seitdem im Medienbereich. Ich frage ihn nach seinem ermordeten Kollegen Wedat Hussein. Er kannte ihn. Aber für Mehdi ist dies nicht der einzige Fall. Er berichtet mir von einem Studienkollegen, der als unabhängiger Journalist arbeitete und vor seinen Augen von Sicherheitskräften vor den Türen der Universität entführt worden ist. Am gleichen Tag noch hatte er Todesdrohungen mit den Worten: „Wir kommen dich jetzt holen“ erhalten. Es handelte sich um Zardasht Osman, der 2010 mit zwei Schüssen in den Kopf regelrecht hingerichtet worden ist. Einige Journalisten in Machmur tragen zudem Buttons mit einem Portrait von Deniz Firat. Die ANF-Journalistin wurde am 8. August 2014 durch Schrapnellteile einer Mörsergranate des IS in Machmur getötet. Erst kurz zuvor war der IS von der PKK aus der Stadt vertrieben worden. Noch heute sitzt der Schock tief und auch das Pressezentrum ziert ein Bildnis der mutigen Journalistin.

Deniz Firat. 2014 durch den IS getötete Journalistin

Deniz Firat. 2014 durch den IS getötete Journalistin

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Live-Übertragung nach Europa und Kurdistan

Nachdem die komplette Technik für Kameraufnahmen, Live-Übertragung und Vor-Ort-Interviews aufgebaut ist, geht das Programm pünktlich los. In einem großen, durchorganisierten Demonstrationszug laufen zu Beginn erst tausende Kinder und Jugendliche mit Fahnen, Transparenten und lauten Slogans auf das Gelände. Fast ein Drittel der Bewohner Machmurs sollen unter 18 Jahren sein. Das wird hier mehr als deutlich. Schließlich folgen die Erwachsenen und Gäste. Auch mehrere hochrangige PKKler sind vor Ort. Allerdings tragen an diesem Newroz-Fest so viele Menschen die traditionelle Guerilla-Kleidung, dass eine Unterscheidung nur schwer möglich ist. Es werden Ansprachen gehalten, es wird getanzt und natürlich wird das traditionelle Newroz-Feuer entfacht. Die Kameras der Live-Übertragung sind ständig dabei.  Um die Stimmung des Festes am besten deutlich zu machen und den Artikel nicht unnötig zu verlängern, höre ich nun auf zu schreiben und lasse die Aufnahmen und Bilder wirken:

 

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Im Pressezentrum von Machmur. Auch hier wird der Journalistin Deniz Firat gedacht.

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Die Frauen Machmurs stehen politisch an erster Stelle. Natürlich auch beim Tanzen.

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Eine junge Freundin, die von den Journalisten in Machmur gerade eingearbeitet wird. Rechts im Hintergrund: bewaffnete Guerillas, die den Festplatz vor möglichen Angriffen schützen.

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Die Moral und Freude ist groß.

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Jugendliche beim „Einmarsch“ auf das Festgelände.

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Alle Fotos sind von mir aufgenommen worden. Ihr könnt diese gerne verwenden. Über eine Namensnennung und einen kurzen Hinweis auf diesen Blog würde ich mich freuen.