Der Aufenthalt in Südkurdistan neigt sich dem Ende zu. Bald geht es wieder zurück nach Deutschland. In den letzten Tagen standen keine großen Reisen mehr an, sondern vor allem Interviews mit Journalisten und Wissenschaftlern.
Auf dem Campus der privaten University for Human Development treffe ich Dr. Ahmed Omar Bali.

Dr. Ahmed Omar Bali auf dem Campus der UHD.

Dr. Ahmed Omar Bali auf dem Campus der UHD.

Er ist dort Head of Public Relations und hat im letzten Jahr seine Doktorarbeit zum Thema „Politische Kommunikation in Kurdistan“ an der Sheffield Hallam-Universität in Großbritannien abgegeben. In seiner Promotion hat er mittels Inhaltsanalysen und (Experten-)Interviews die Berichterstattung und politische Ausrichtung der Fernsehsender Geli Kurdistan (gehört zur PUK), des Kurdish News Network TV (gehört zur Gorran-Bewegung) und von drei Nachrichtenseiten im Internet analysiert. Gleichzeitig arbeitete er als Journalist, Korrespondent und Radiomoderator. 

Seine zentrale Aussage im Gespräch ist, dass es in Südkurdistan so gut wie keine von politischen Parteien unabhängige Medien gibt. Alle Medien sind über Eigentumsstrukturen oder durch politische Einflussnahme von einer der fünf zentralen politischen Parteien und Bewegungen abhängig: der Kurdistan Democratic Party (KDP), der Patriotic Union of Kurdistan (PUK), der Gorran-Bewegung, der diversen, eher schwächeren islamischen Parteien und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK; jeweilige Logos siehe am Ende des Artikels). Dies betreffe auch die journalistische Selbstorganisationen und Gewerkschaften. Solche Organisationen existieren laut Bali oft nur auf dem Papier und seien politisch ebenfalls gebunden. Eine besondere Rolle spielen für ihn die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für Journalisten in der Yellow- und Green-Zone. Damit ist der jeweils (militärische und politische) Einflussbereich der KDP (Gelb) und der PUK (Grün) in Südkurdistan gemeint. PKK nahe Medien, aber auch Zeitungs- und Fernsehkorrespondenten von PUK-Medien könnten im Herrschaftsbereich der KDP so gut wie nicht arbeiten. Der Journalismus sei hier insgesamt sehr abhängig vom jeweiligen politischen Klima.

In der UHD-Mensa.

In der UHD-Mensa.

Wir sprechen auch über die Journalismus-Ausbildung in der Region. Eine in diesem Sinne ausgerichtete Fakultät gibt es erst seit 2001. In den 90er Jahren habe es nur eine handvoll Praktiker gegeben, die ihren Journalismus-Bachelor in Bagdad absolvieren konnten. Bedenkt man, dass die Einwohnerzahl der Autonomieregion Kurdistan bei ungefähr 5 Millionen Menschen liegt, ist dies nicht gerade viel. In den letzten Jahren hat die Autonomieregierung deshalb extra Stipendien vergeben, damit Studierende im Ausland eine Doktorarbeit schreiben und anschließend beim Aufbau einer universitären Journalismus-Ausbildung mitwirken können. Auch Bali habe von einem solchen Stipendiumsprogramm von profitiert. Mittlerweile gebe es drei universitäre Fakultäten und einige unabhängige Institute, die eine Ausbildung anbieten. Insgesamt sei ein Journalismus-Studium für viele junge Menschen aber dennoch nicht interessant, da die Gehälter sehr niedrig sind und die höheren Positionen in den Medienbetrieben oft direkt von Parteikadern besetzt werden.
Das Gespräch verläuft sehr informativ und das Schneeballprinzip kommt hier voll zur Wirkung: Bali will mich mit anderen Kollegen aus der Kommunikationswissenschaft an der Süleymaniye-Universität bekannt machen. Außerdem ist er mit den örtlichen Medien sehr vernetzt und wird mir Kontakte, vor allem zu Englisch sprechenden Journalisten geben.

Schriftsteller und Journalist im Exil

Auch mit Necmettin Salaz treffe ich mich wieder. Er war bereits bei der Newroz-Feier in Kandil dabei und hat beim PUK-Fernsehsender Kurdsat eine wöchentliche Show namens „Heimatbrücke“. Außerdem ist er regelmäßiger Gast bei Programmen von NewsChannel TV, das der PKK nahe steht. In der Türkei war er einer der tausenden verfolgten politisch aktiven Kurden, gegen die ein sog. KCK-Verfahren läuft. Um einer Verhaftung zu entgehen, ging er 2011 ins Exil nach Süleymaniye. Nur eine Woche nachdem er die Türkei verlaßen hatte, wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Necmettin Salaz.

Necmettin Salaz.

Er zeigt mir zuerst seinen Arbeitsplatz bei Kurdsat. Der Sender sitzt auf einer Anhöhe etwas außerhalb von Süleymaniye. Direkt gegenüber befindet sich der Palast von Dschalal Talabani, einem der wichtigsten Gründer der PUK. Talabani, 1933 geboren, war von 2005 bis 2014 Staatspräsident des Irak. Heute ist er schwer krank und nach einem Schlaganfall nicht mehr sehr beweglich. Seine Frau Hero Ibrahim Ahmed führt nun die politischen Geschäfte in der Green-Zone fort, auch wenn sich innerhalb der PUK, die hier abgekürzt Yekiti, also Einheit, genannt wird, unterschiedliche Fraktionen, die nun um die Führung ringen, gebildet haben. Der zentraler Fernsehsender Kurdsat befindet sich also in unmittelbarer Nähe zur Macht. Auch ein Statement. Am schwer gesicherten Eingang wehen Yekiti-Fahnen, die parteipolitische Orientierung ist hier eindeutig. Bei dem Sender sind ungefähr 500 Personen beschäftigt, auch wenn 100 Angestellte reichen würden, meint Salaz. Viele würden einfach nur ein monatliches Gehalt bekommen, aber nicht wirklich zur Arbeit erscheinen. Ein Beispiel für den in der Region starken Klientelismus. Bei einer Führung durch das moderne Gebäude erfahre ich, dass der Sender auch in Rojava (Westkurdistan) und Bakur (Nordkurdistan) Korrespondenten hat. In der Türkei werden diese immer wieder wegen „Terror“-Vorwürfen der türkischen Justiz festgenommen. Um alle vier Teile Kurdistans zu erreichen sendet Kurdsat in den zwei größten Dialekten Sorani und Kurmandschi.
In der Cafeteria des Senders komme ich mit Salaz tiefer ins Gespräch. Bis 1980 hat der Schriftsteller und Journalist als Lehrer in der Türkei gearbeitet. Nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 saß er fünf Jahre im Foltergefängnis von Diyarbakir. Anschließend war es ihm verboten seinen Lehrerberuf weiter auszuüben. Also begann er Bücher zu verkaufen und selber zu schreiben. Er sieht seine journalistische Tätigkeit als eine Pflicht im Kampf für die Gerechtigkeit. „Ich bin nicht nur Journalist, sondern auch politischer Aktivist“ sagt er von sich selbst. Zwei Ziele leiten ihn dabei: die Befreiung der unterdrückten Kurden und die Emanzipation der Arbeiterklasse. Kurdischer Journalismus sei weltweit einzigartig, da nirgendwo so viele Journalisten verfolgt, eingesperrt und ermordet werden wie in Kurdistan. Aus der Natur der Sache heraus müsse deshalb kurdischer Journalismus auch immer gleich politischer Journalismus sein, der nur schwer vom Aktivismus zu trennen sei: „Unabhängigen Journalismus gibt es für mich generell nicht“ so der 58-Jährige.

Ein Technikraum bei Kurdsat.

Ein Technikraum bei Kurdsat.

Auch er habe in Südkurdistan noch keine gewerkschaftliche oder sonstige Selbstorganisation von Journalisten wahrgenommen, die in den Konstellationsstrukturen unterschiedlicher Akteure eine Rolle spielen könnten: „Sie existieren nur auf dem Papier, aber nicht in der praktischen Arbeit.“ Seiner Meinung nach gebe es solche Organisationen hauptsächlich nur, um westliche NGO-Gelder abzugreifen.
Nach einem obligatorischen Tee geht es weiter im Gebäude. Er zeigt mir alle Studios und stellt mich Türkisch sprechenden Kollegen vor, die ich bei weiteren Forschungsaufenthalten befragen kann. Zum Ende stellt er mich Rasan Mukhtar, dem Programmdirektor des Senders vor, mit dem ich ebenfalls ein kurzes Interview führe (die Inhalte aller Interviews können zu gegebener Zeit im Anhang-Teil der Doktorarbeit nachgelesen werden).

Neues Kurdistan

Am nächsten Tag bin ich mit Stran Abdullah verabredet. Er ist der Chefredakteur der 1992 gegründeten PUK-Tageszeitung Kurdistany Nwe, also Neues Kurdistan. Seit 1993 ist Abdullah, der Ökonomie studiert hat, bei der Zeitung. Parallel dazu hat er als Medienberater für die PUK gearbeitet. Die 16-seitige Zeitung hat eine Auflage von 2500 Stück und wird in der Green-Zone verkauft.

Stran Abdullah.

Stran Abdullah.

Allein diese Zahlen zeigen, dass Printmedien in Südkurdistan keine große Rolle spielen. Viel wichtiger sei die Internetseite, auf der alle Inhalte kostenlos zur Verfügung stehen, so Stran. Für ihn ist Journalismus eine patriotische Verpflichtung für Kurdistan. Ich frage ihn vor allem nach Mediengesetzen und sonstigen schriftlich festgehaltenen Prinzipien. Gesetze seien zwar für die Zulassung von Medien wichtig, ansonsten spielen sie keine große negative oder positive Rolle. Informelle Erwartungen sind da wichtiger. Die Zeitung ordnet sich selbst im Medienspektrum links ein. Für ihn als Chefredakteur sei es wichtig, dass es in den Artikeln zu keinen beleidigenden Äußerungen gegenüber Arabern, Türken, Religionen und Frauen komme, allen Teilen der Gesellschaft müsse mit Respekt begegnet werden. Außer bei Saddam Hussein. Da mache man eine Ausnahme, erklärt er augenzwinkernd.
In der Hoffnung ein Dokument ergattern zu können, frage ich ihn, ob die von ihm benannten redaktionellen Leitlinien irgendwo schriftlich festgehalten seien. „Nein“ sagt er, „das ist bei uns kulturell verankert“. Ein weiterer Hinweis darauf, dass formelle Erwartungsstrukturen eine eher untergeordnete Rolle im Mediensystem Kurdistans spielen. Sein Ziel sei es über den Journalismus dazu beizutragen ein „Kurdistan“ zu erschaffen.
Bevor er uns aus dem Redaktionsgebäude, in dem sich die Druckerpresse noch im Keller befindet, verabschiedet, zeigt er noch stolz Bilder alter kurdische Zeitungen, die vor mehr als 100 Jahren in Ägypten und Istanbul erschienen sind.

Abbildungen alter kurdischer Zeitungen.

Abbildungen alter kurdischer Zeitungen.

Weitere Gespräche wurden mit Afat Baz, einem wichtigen Verantwortlichen für Fernsehsender, die der PKK nahe stehen und mit einem Journalisten, der seinen Master in Journalismus in Hyderabad/Indien absolviert hat und seit einem halben Jahr bei Rojnews arbeitet, geführt.

Abschließende Gedanken

Jetzt, kurz vor der Abreise, ist es Zeit einige kurze abschließende Gedanken zu formulieren, die sich vor allem mit Medien und (Süd-)Kurdistan beschäftigen. Dies erfolgt hier stichpunktartig und unvollständig:

  • Die Medienlandschaft Südkurdistans und kurdischer Journalismus insgesamt sind sehr parteipolitisch geprägt (Stichwort: Partisanship). Einen im westlichen Sinne „unabhängigen“ Journalismus gibt es so gut wie nicht*. Dies hat hauptsächlich zwei Gründe. Zum einen liegt es an der historischen Pfadabhängigkeit des kurdischen Mediensystems. Medien konnten sich nur zusammen mit dem Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit in allen vier Teilen Kurdistans entwickeln. Sie waren dabei immer an eine Partei gebunden, hauptsächlich an die KDP, PUK und PKK. In letzter Zeit sind Medien der Gorran-Bewegung und kleinerer islamischer Parteien hinzugekommen. Zum anderen können sich kurdische Medien nicht durch Werbeeinnahmen und Verkaufserlöse finanzieren. Der Anzeigenmarkt ist zu klein und zu schwach, das Einkommen der Rezipienten zu gering, um darüber eine gesicherte Finanzierung zu gewährleisten. Dies führt zur Abhängigkeit von anderen Geldgebern, also den jeweiligen finanzstarken Parteien. Hallin und Mancini, zwei wichtige Mediensystemforscher, beschreiben diesen Zustand als politischen Parallelismus. Dieser ist dann hoch wenn Medien von politischen Parteien abhängig sind. Die Struktur des Mediensystems gleich weitestgehend der Struktur des politischen Systems, zumindest in Südkurdistan.
  • Meinen ersten Eindrücken nach arbeiten in Kurdistan vor allem PKK nahe Medien grenzüberschreitend. KDP- und PUK-Medien haben zwar in den anderen Teilen Kurdistans jeweils Korrespondenten, aber eine solch organische Verbindung in Nord-, Süd, West- und Ostkurdistan, sowie in Europa, haben nur die Medien der kurdischen Freiheitsbewegung (a.k.a. PKK). Ihre Journalisten machen Programme für alle vier Teile Kurdistans. Ein Rojnews-Mitarbeiter arbeitet gleichzeitig als Kameramann für Sterk TV, Newroz TV, Ronahi TV etc. Seine Bilder werden in allen Kanälen benutzt. Nachrichten der nordkurdischen Nachrichtenagentur Dihaber werden eins zu eins übernommen, auf Sorani übersetzt und über die Rojnews-Kanäle verbreitet. Dies Vorgehensweise ist gleichzeitig auch eine Frage der Kostenersparnis und Effizienz. Die PKK ist die finanzschwächste unter den kurdischen Parteien und muss deshalb auf solche Synergien setzen. KDP-, PUK- und Gorran-Medien arbeiten vor allem auf Südkurdistan bezogen. Natürlich liegt diesem vorläufigen(!) Befund auch ein Bias zu Grunde. Ich habe mich in den zwei Wochen der Feldbeobachtung überwiegend bei PKK nahen Medien aufgehalten. Die bisher geführten sechs Experteninterviews sind hingegen divers, auch wenn sich noch kein KDP naher Experte darunter befindet. Insgesamt stellt dieser Befund schon eine vorläufige These für meine Doktorarbeit dar, die natürlich mit mehr Interviews, Dokumenten und Feldbeobachtungen bestätigt (oder verändert/verworfen) werden muss.
  • Der Beruf des Journalisten ist in Südkurdistan nicht sehr beliebt. Im Gegensatz zu anderen Ländern gehört das entsprechende Studium nicht zu den begehrtesten. Zum einen ist die Bezahlung schlecht, zum anderen ist die eindeutige politische Ausrichtung der Medien hier ein Hindernis für viele Jugendliche in diesen Beruf zu gehen. Hinzu kommt, dass viele der höheren Positionen in Medienorganisationen politische Besetzungen sind und nicht durch einen normalen Gang auf der Karriere-Leiter erreicht werden können. Das Feld der Kommunikationswissenschaft und der Journalistenausbildung ist in Südkurdistan noch sehr jung. Irakische Akteure, wie zum Beispiel Universitäten oder Medienregulierungsbehörden, spielen keine Rolle.
  • Das Ansehen von Journalisten seitens der Bevölkerung ist vom politischen Parallelismus bestimmt. Journalisten werden als politische Aktivisten wahrgenommen, die für eine bestimmte Zielsetzung arbeiten. Die Einschätzung der Journalisten seitens der Bevölkerung hängt also immer auch mit dem Grad der Wertschätzung einer bestimmten politischen Idee zusammen.
  • Es existieren formelle, die Medien betreffende Gesetze. Diese spielen aber im Alltag der Medien und Journalisten keine große Rolle. Bestimmend sind Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Handelnden. Der Soziologe Uwe Schimank würde sie als Akteurskonstellationen bezeichnen, die im Falle Südkurdistans maßgeblich sind. Abstrakte Machtverhältnisse werden hier sehr konkret: Sie äußern sich in der Entführung oder sogar Ermordung von kritischen Journalisten (zum Beispiel Zerdesht Osman und Wedat Hussein). Sie haben aber zum Beispiel auch damit zu tun, wer wo wie viele bewaffnete Kämpfer hat. In Gebieten, die von der KDP kontrolliert sind, ist Journalismus für Medien, die nicht zu dieser Partei gehören schwer bis unmöglich, selbst PUK-Medien können dort nur in politisch entspannten Zeiten arbeiten.
  • Weitestgehend offen ist welche Rolle informelle Erwartungen unterschiedlicher Akteure der Gesellschaft, aber auch journalistische Selbstverständnisse (in der zugrunde liegenden Theorie der Akteur-Struktur-Dynamik als Deutungsstrukturen bezeichnet) spielen. Welche Ideen eines „Kurdistans“ prägen die Berichterstattung?

Mit diesen abschließenden stichpunktartigen Gedanken verabschiede ich mich aus Südkurdistan. Dies wird nicht mein letzter Aufenthalt in der Region im Rahmen der Doktorarbeit gewesen sein. Mit dutzenden neuen Kontakten, Ideen und einem sich daraus entwickelnden Netzwerk, fahre ich zurück nach Deutschland. Über Kritik und Feedback freue ich mich wie immer.

*Als Kommunikationswissenschaftler hinterfrage ich prinzipiell das in Europa vorherrschende Verständnis von (vermeintlich) unabhängigem Journalismus.

Logo der KDP.

KDP

Logo der PUK.

PUK.

Logo der Gorran-Bewegung.

Gorran-Bewegung.

Logo der PKK.

PKK.